St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Am Anfang stand die Weserkorrektion durch Ludwig Franzius, die es größeren Seeschiffen ermöglichte, die Weser aufwärts bis nach Bremen zu fahren. Der Bau des ersten großen stadtbremischen Hafens, des Freihafens I (heute Europahafen) war die Folge dieser Weserbegradigung und -vertiefung. Daraus und aus dem gleichzeitigen Fall der Zollschranken zwischen Bremen und seinem Umland im Jahre 1888 resultierte dann die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe in Hafennähe und damit im Gebiet des alten Dorfes Walle und in Utbremen.

Der Hafenbau und die Gründung der Jute Spinnerei und Weberei Bremen brachten einen großen Bedarf an Arbeitskräften mit sich, der in Bremen und dem Umland nicht gedeckt werden konnte. Vom thüringischen Eichsfeld, damals das "Armenhaus Preußens" kamen viele Bauarbeiter nach Bremen, denn in Walle und Utbremen "schossen Häuser und Straßen wie Pilze aus dem Boden", wie es ein Zeitzeuge formulierte.

Die "Jute" warb die überwiegende Zahl ihrer Mitarbeiter weiter im Osten und Südosten Europas an. Sie waren polnischer Nationalität und kamen aus der Provinz Posen, aus dem unter russischer Verwaltung stehenden Kongreß-Polen und dem zu Österreich-Ungarn gehörenden Westgalizien. Böhmen, und zwar die Gegend um Linsdorf, war neben dem Eichsfeld und dem heutigen Polen das dritte große Abwanderungsgebiet, das die Menschen damals auf der Suche nach Arbeit in Richtung Bremer Westen verließen.

Da diese Tausende Zuwanderer nahezu alle katholischen Glaubens waren, sah der Kirchenvorstand von St. Johann, damals einzige katholische Kirche in Bremen, 1893 die Notwendigkeit eines Kirchenbaus im Bremer Westen. Fünf Jahre später und dank einer großherzigen Spende des Kaufmanns Joseph Johannes Arnold Hachez war es dann soweit: Am 13. November 1898 konnte die neue Kirche, die ursprünglich als Herz-Jesu-Kirche geplant war, als St.-Marien-Kirche geweiht werden. Ein Jahr später folgte dann die Marienschule und das Waisenhaus.

625 Kinder wurden 1913 in St. Marien getauft. Die Gemeinde zählt zeitweise weit über 10 000 Gläubige. Der Erste Weltkrieg brachte den Zuwandererstrom dann zum versiegen. Die Jahre danach waren geprägt von Hunger und Arbeitslosigkeit. St. Marien erwies sich da als große Solidargemeinschaft. Hier fanden die Menschen nicht nur Trost im Glauben, sondern auch praktische Hilfe. Beistand kam auch von ehemaligen Geistlichen St. Mariens aus dem Emsland, wo Kinder aus der Gemeinde Unterkunft auf Bauernhöfen fanden, und aus Twistringen (Pastor Wellermann). Lebensmittel wurden organisiert und Lehrstellen beschafft.

Es folgte ab 1933 die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, der sich auch St. Marien nicht entziehen konnte. Auch wenn die Gläubigen dem Terrorregime ablehnend gegenüberstanden, hatte Widerstand da seine Grenzen, wo die Existenz der Familie gefährdet war. Die Geistlichen wurden bespitzelt, kirchliche Vereine und Institutionen wurden in ihrer Arbeit behindert oder aufgelöst. Für die Marienschule kam 1938 das Aus. Der von Deutschland ausgehende Zweite Weltkrieg traf den Bremer Westen mit seinen Häfen und Industriebetrieben besonders hart, immer wieder war er das Ziel alliierter Bombenangriffe. Die Marienkirche war schon 1943 bei zwei Angriffen teilweise zerstört worden. In der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944, als der Bremer Westen brannte, wurde auch St. Marien, ebenso wie Schule und Kindergarten total zerstört. Die Ruine des Waisenhauses wurde behelfsmäßig wiederhergerichtet und im Keller eine Notkirche eingerichtet. Viele Männer kehrten aus dem Krieg nicht wieder zurück. Noch mehr Tote gab es laut Chronik in der Heimat durch die Bombenangriffe zu beklagen.

Der Wiederaufbau St. Mariens dauerte zehn Jahre. Er verlangte den Gläubigen viele Opfer ab und ist verbunden mit dem Namen Hermann Vogelsang, Pastor an St. Marien von 1951 bis 1965. Dank seiner unermüdlichen Bemühungen konnte im Mai 1954 die wiederaufgebaute Marienkirche geweiht werden. Etwas später folgten Schule und Kindergarten. Mit dem Bau des Pfarrhauses 1962 war der Wiederaufbau abgeschlossen.

Im Laufe der Zeit waren drei neue Gemeinden von St. Marien abgepfarrt worden: 1923 St. Josef in Oslebshausen, 1945 St. Nikolaus in Gröpelingen und 1959 St. Bonifatius in Findorff. Die St.-Marien-Gemeinde, der 1957 schon wieder über 8000 Gläubige angehörten, zählte trotzdem Anfang der sechziger Jahre noch 5291 Seelen, wurde aber mit dem Bau neuer Stadtteile auf Bremens "grünen Wiesen" immer mehr dezimiert. Heute, im Jubiläumsjahr 1998 gehören zur Gemeinde nur noch gut 2850 Menschen. Den Pfarrer müssen sie sich mit St. Bonifatius in Findorff teilen. Auch der Stadtteil hat sich verändert, die Hafenaktivitäten verlagerten sich durch die Containerisierung immer mehr aufs linke Weserufer und nach Bremerhaven und auch die Jute-Spinnerei an der Nordstraße gibt es längst nicht mehr.