St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Gedanken zu einer besonderen Fastenzeit von Pastor Josef Fleddermann (14.03.2020)

Dieser Begriff bekommt für mich in diesen Tagen eine ganz neue Bedeutung. Auf Wikipedia lesen wir folgende Begriffsbeschreibung:

 

„Die Quarantäneist eine zum Schutz der Gesellschaft vor ansteckenden Krankheiten befristete, behördlich angeordnete Isolation von Lebewesen, die verdächtig sind, an bestimmten Infektionskrankheiten erkrankt oder Überträger dieser Krankheiten zu sein….Die Zeitdauer der Quarantäne richtet sich nach der Inkubationszeit der vermuteten Krankheit. Die Quarantäne ist eine sehr aufwendige, aber auch sehr wirksame seuchenhygienische Maßnahme, die insbesondere bei hochansteckenden Krankheiten mit hoher Sterblichkeit angewendet werden muss.“

Nun befinden wir uns z.Zt. nicht alle in Quarantäne, aber die Schutzmaßnahmen, die der Staat zur Verlangsamung der Verbreitung des Corona-Virus angeordnet hat und dem nun auch die Kirchen mit drastischen Maßnahmen gefolgt sind, bringt uns alle doch in eine ganz besondere Situation, die fast der einer Quarantäne gleichkommt.

Auf Französisch bedeutet der Begriff 40 und meint 40 Tage. Und damit wären wir bei der Zahl angelangt, die auch in der Bibel eine große Rolle spielt. 40 Jahre dauerte die Wüstenwanderung des Volkes Israel, das aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit wurde und ins Gelobte Land geführt worden ist. 40 Tage und 40 Nächte fastete Jesus in der Wüste und wurde vom Teufel in Versuchung geführt. 40 Tage dauert auch die Fastenzeit, die Zeit der Umkehr und Buße, die Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest, an dem wir eingeladen sind, unseren Glauben an Gott zu erneuern und den Tod und die Auferstehung Jesu als den Sieg über Sünde und Tod zu feiern.

Ja, und wir befinden uns gerade jetzt in diesen 40 Tagen, diesen quarantaine de jours, in dieser besonderen „Quarantäne-Zeit“! Doch diesmal sind die 40 Tage anders als sonst. Wir haben es uns nicht ausgesucht, wie wir sie begehen! Sie sind uns auferlegt! Was ansonsten der Verzicht an Süßigkeiten, an Alkohol, an Feiern o.ä. Ausdruck unseres Fastens ist, wird diesmal getoppt durch das, was wir „Verzicht an Sozialkontakten“ nennen. Das übliche Händeschütteln, die freundliche Umarmung, die Nähe zueinander und manches mehr, all das soll unterbleiben. Ja, und es fällt schwer! Es tut uns weh! Manch einer erlebt Einsamkeit in diesen Tagen! Und manch einer oder eine auch Angst! Wie wird das weitergehen, wo soll das hinführen. Und noch dazu wurden die Gottesdienste gestrichen oder zumindest stark gekürzt! Wahrlich: Wüstenzeit! Quarantäne!

Wir spüren: Wir haben es nicht mehr in der Hand! Uns sind die „Hände gebunden“ Auch die Kirche hat es nicht mehr „in der Hand“. Auch ihr sind die Hände gebunden. Ich muss denken an Simon von Zyrene, dem Bauer vom Feld. Auch er hat nicht freiwillig das Kreuz Jesu getragen. Er wurde gezwungen. Es wurde ihm auferlegt. Ich muss denken an Jesus, dem am Kreuz die Hände gebunden wurden. Und der dennoch, auch angenagelt am Kreuz, ganz frei war. Frei für seinen Gott und Vater im Himmel.

Weiß Gott, ich will die „Quarantäne-Situation“ nicht gleichsetzen mit dem Leiden Christi. Aber sein Weg kann uns vielleicht eine Hilfe sein, auch in unseren Ängsten und Sorgen ganz auf Gott zu vertrauen! Ganz auf Gott zu vertrauen! Und auch das ist nicht ausgeschlossen, wenn wir uns den Weisungen der Virologen, der Politik und auch der Kirche in dieser Krisensituation entsprechend verhalten.

Die Wüstenzeit kann unseren Hunger und Durst neu werden lassen. „Die Quarantäne-Zeit“ kann uns neu erkennen lassen, wie wichtig uns die Versammlung der Gläubigen zum Gebet und zur Feier der Eucharistie ist. Der Hunger und Durst stößt uns auf das Wesentliche. Auf den Wesentlichen: Auf Gott selbst.

Und noch eines finde ich ansprechend. Das Evangelium des 3. Fastensonntags, an dem zum ersten Mal bei uns die Gottesdienste ausfallen, ist das Evangelium der Samariterin am Jakobsbrunnen. Weil sie Durst hat, kommt sie zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Auch Jesus ist am Brunnen, ohne Schöpfgefäß, aber durstig. Im Laufe des Gespräches – ich empfehle das Evangelium zu lesen in Johannes 4,5-42 – gibt es neben der Offenbarung, dass Jesus das lebendige Wasser gibt und dass er das lebendige Wasser ist, noch eine bemerkenswerte Passage (Joh 4,21-24):

Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“

Dazu muss man wissen, dass die Samaritaner mit den Juden im Streit lagen, nichts miteinander zu tun haben wollten. Die Samaritaner hatten ihren Tempel auf dem Berg Garizim, die Juden hatten ihren Tempel in Jerusalem. Beides für die jeweilige religiöse Gemeinschaft der wichtigste Ort des Kultes und des Gebetes. Nun sagt Jesus jedoch, was das wichtigste ist: Im Geist und in der Wahrheit anbeten!

Vielleicht müssen wir genau das neu lernen! Paulus sagt ja sogar (vgl. Röm 8,25), dass wir nicht wissen, wie wir in rechter Weise beten sollen, dass aber der Geist für uns eintritt mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Der Geist betet in uns „Abba, Vater!“ Und in Römer 5,5 spricht er diese wunderbaren, tröstenden Worte: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist!“

Erinnern wir uns in dieser „Quarantäne-Zeit“ ganz besonders daran. Gott wohnt in deinem Herzen. Wo immer du bist, du bist nicht allein. Wir sind der Tempel Gottes. So ist er uns nah in jeder Zeit – auch in der Entbehrung und Wüste, ja selbst in der Krankheit und in Not.

Möge diese besondere Zeit, diesen Glauben in uns stärken. Beten wir füreinander, beten wir in den Familien (der „Hauskirche“). Beten wir für die Verantwortlichen in der Medizin, der Politik und der Kirche. Beten wir vor allem auch für die Kranken. Vielleicht kann unsere Verbundenheit dadurch ganz neu zum Tragen kommen.

Und beten wir für die Menschen, die nicht glauben können oder wollen. Dass Gott auch in ihre Herzen hineinspricht, dass sie neu das Wesentliche finden, den Wesentlichen finden: Gott selbst, der uns in Jesus Christus seine Liebe offenbart und seinen Geist geschenkt hat.

„Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim 1,7)

Mögen wir alle aus dieser Zeit gestärkt hervorgehen. Das wünsche ich von Herzen!

Josef Fleddermann