St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Geschichte einer Kirchengemeinde im Bremer Westen

Von Hermann Sandkühler

Die St.-Marien-Kirche befindet sich an der Ecke Steffensweg/St.-Magnus-Straße im Bremer Stadtteil Walle. Diese Arbeit berichtet nicht nur über die ereignisreiche Geschichte St. Mariens, sondern zeigt auch Ereignisse und Entwicklungen auf, die schon Jahre vorher stattfanden und schließlich dazu führten, daß die St.-Marien-Gemeinde am 13. November 1998 das hundertjährige Bestehen ihrer Kirche feiern konnte.

Ein Ostfriese gab den Anstoß zu einer Entwicklung, die schließlich auch zum Bau der St.-Marien-Kirche im Bremer Westen führte. Ludwig Franzius, Oberbaudirektor in Diensten des Bremer Senats, war es, der zu Beginn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Korrektion der Unterweser plante, die Bremen wieder für Seeschiffe erreichbar machen sollte. Dazu war der Bau eines neuen Hafens für diese Schiffe vorgesehen. Kaufleute und Industrielle stritten sich 1881 heftig um den Zollanschluß der Hansestadt an das Deutsche Reich, denn die Schutzzollpolitik des Reichskanzlers Otto von Bismarck machte es fast unmöglich, in Bremen hergestellte Waren außerhalb der Stadt zu verkaufen. Industrieansiedlungen in den Nachbarorten Hemelingen, Delmenhorst und Blumenthal waren die Folge dieses für Bremens Entwicklung fatalen Zustandes. Die Franzius-Fraktion in Senat und Kaufmannschaft setzte sich schließlich durch. Im Jahre 1883 begann die Unterweserkorrektion, und 1885 wurde mit dem Bau des Freihafens I, des heutigen Europahafens, auf dem Gelände der Stephanikirchenweide angefangen. Am 21. Oktober 1888, einem Sonntag, wurde die Inbetriebnahme des neuen Hafens von 40 000 Menschen bejubelt.

Kaufleute und Unternehmer aus der Hansestadt waren in Zeiten der Unterweserkorrektion und des Hafenbaus nicht untätig geblieben. Damit sich diese beiden großen Wasserbauvorhaben auch amortisierten, wurde der Aufbau von Industriebetrieben geplant, die von der Hafennähe profitieren sollten. Außerdem war nun auch der Zollanschluß Bremens beschlossene Sache und sollte kurz vor der Inbetriebnahme des Hafens vollzogen werden.

Eine der bemerkenswertesten Gründungen dieser Zeit war die "Jute-Spinnerei und Weberei Bremen". Auf dem Gelände des alten Syndikushofes, zwischen Hafen und Nordstraße gelegen, entstanden Fabrikhallen und Wohnhäuser für die Arbeiterinnen und Arbeiter der Fabrik, die kurz "Jute" genannt wurde. Weitere Werkswohnungen kamen später in den Wohnstraßen zwischen Nordstraße und Steffensweg hinzu, wie beispielsweise in der Straße "Am Syndikushof". Für dieses Areal fand der Volksmund schnell die Bezeichnung "Jute-Viertel" oder "Klein-Galizien".

Ein weiteres markantes Bauvorhaben in diesem Jahre 1888 war die Bebauung eines Teils des "Waller Wieds". Dort wurden vom "Gemeinnützigen Bremer Bauverein" Wohnstraßen angelegt und Häuser für Arbeiter gebaut. Nach der ersten dort fertiggestellten Straße, der "Heimatstraße", die direkt an das Areal der "Jute" angrenzte, erhielt das Waller Wied später auch den Namen "Heimatstraßenviertel".

Die rege Bautätigkeit in Walle und Utbremen erforderte natürlich viele Arbeitskräfte, die in Bremen nicht zur Verfügung standen. Die schnell expandierende Jute-Spinnerei war auf die Anwerbung von Arbeitskräften angewiesen. Es sprach sich schnell herum in den ärmeren Gegenden Deutsch-lands und im Laufe der Zeit darüber hinaus bis nach Russisch-Polen, Böhmen und Galizien, wo die Bevölkerung zum großen Teil nur durch Saison- und Wanderarbeit ihr Leben fristen konnte, daß es in der Hansestadt an der Weser Arbeit gab - für ihre Verhältnisse sogar gutbezahlte Arbeit.

Drei große, traditionell katholische Abwanderungsgebiete waren es, von wo aus die Menschen in den Bremer Westen kamen: Die ersten Zuwanderer kamen aus dem damals sogenannten Armenhaus Preußens. Es waren Eichsfelder, überwiegend vom Oberen Eichsfeld in Thüringen um Heiligenstadt herum. Ungefähr zeitgleich mit den Eichsfeldern kamen die Böhmen, die zweite große Gruppe von Zuwanderern. Viele von ihnen kamen aus der Gegend am Fuße des Adlergebirges aus dem Kreis Grulich. Die dritte und größte ethnische Gruppe waren Polen. Wobei sich das zu der Zeit nur auf die Volkszugehörigkeit bezog, denn einen Staat Polen gab es damals nicht.

Eichsfelder, Böhmen und Polen waren zum überwiegenden Teil katholischen Glaubens, und so wurde schon 1889 im Kirchenvorstand der Gemeinde St. Johann über den Bau einer Kirche sowie einer katholischen Schule im Bremer Westen gesprochen. Eine halbe Stunde und mehr Fußmarsch zur Kirche oder für die Kinder der katholischen Neubürger zur Johannisschule waren ebenso ein Problem wie die wachsende Zahl der Gemeindemitglieder. Es vergingen aber noch fünf Jahre, bis 1894 ein Grundstück in der Utbremer Feldmark erworben werden konnte, welches dem Waller Bauern Hermann Rathjen gehörte. Dieses Areal lag zwischen Steffensweg und Arndt-straße einerseits und der verlängerten Schulze-Delitzsch-Straße (später St.-Mag-nus-Straße) und einer an der Grenze der Waller Feldmark noch anzulegenden Straße (der späteren Schönebecker Straße) andererseits. Bis zur Fertigstellung der Kirche vergingen dann weitere vier Jahre, in denen sich Utbremen und Walle stetig weiterentwickelten. 1896 hatte die "Jute" ihren Betrieb nahezu verdoppelt. Ungefähr 2000 Beschäftigte arbeiteten an 13 500 Spindeln und 624 Webstühlen. Am inzwischen gebauten Holz- und Fabrikenhafen entstand 1897 die Roland-Mühle von Johann Erling. Immer mehr Fabriken, immer mehr Wohnhäuser, aber noch fehlte die Kirche als geistige Heimat. Das lag an der Beschaffung des Kapitals für den Kirchenbau und änderte sich erst, als der Kaufmann Joseph Johannes Arnold Hachez (Teilhaber der Reederei und des Handelshauses D. H. Wätjen & Co. und zu dieser Zeit schon Privatmann), der nicht nur sein eigenes Wohlergehen im Auge hatte, sondern auch an seine Mitmenschen dachte, einen Betrag von insgesamt 180 000 Mark für die Kirche und den Neubau eines Waisenhauses bei der Kirche spendete. In einem Schreiben von Hachez taucht auch erstmals der Name der Kirche auf: St. Marien. Nun konnte zügig gebaut werden, und der Bremer Bauunternehmer Vollmer wurde mit dem Bau von Kirche und Schule, dem Waisenhaus sowie dem Pfarrhaus und einer Lehrerwohnung beauftragt. Später folgte noch eine Schwesternstation für die ambulante Krankenpflege. Am Sonntag, dem 13. November 1898, war es dann endlich soweit: Der Weihbischof von Münster, Graf von Galen, weihte in Vertretung des Bischofs von Osnabrück die neue Kirche unter dem Namen "Mariä Aufnahme in den Himmel" ein. Erster Geistlicher der Marienkirche war Vikar Gustav Görsmann, der 1942 durch die Nazis im KZ Dachau umkam. Ihm folgte 1899 als erster Pastor St. Mariens Bernhard Olthaus, der, wie viele seiner Nachfolger auch, der polnischen Sprache mächtig war.

"Um den Pudding" heißt es in Bremen, wenn man um einen Häuserblock herum läuft. "Katholischer Pudding" oder auch "Vatikan" wurde das Gebiet zwischen St.-Magnus-Straße, Schönebecker Straße sowie Steffensweg und Arndtstraße in der Bevölkerung Walles und Utbremens genannt. Rund um die neue Kirche setzte 1899 eine enorme Bautätigkeit ein: Unter anderem entstanden die "Marienburg", in der Gemeinde später ebenso eine Institution wie der Laden von Valentin Johann Golly. Die Schule wuchs wie die Gemeinde aufgrund der sich bis zum Ersten Weltkrieg fortsetzenden Zuwanderung schnell. 625 Kinder wurden 1913 in der Marienkirche getauft. Die Marienschule umfaßte zu der Zeit 22 Klassen, in denen 1061 Kinder unterrichtet wurden. Fünf von ihnen, Mädchen aus der Anfängerklasse im Alter von fünf bis sieben Jahren, wurden am 20. Juni 1913 Opfer eines geistesgestörten Amokläufers, der in die Schule eindrang und wahllos auf die Kinder schoß, bis er von Lehrern und dem Schuldiener überwältigt werden konnte.

Der Erste Weltkrieg beendete die Zuwanderung. Die Gemeinde hatte weit über 10 000 Mitglieder, für die nun im Verlaufe des Krieges und in den Jahren danach schwere Jahre anbrachen. Lebensmittel wurden knapp, die Menschen hungerten. Kinder verwahrlosten auf der Straße, weil die Mütter kriegsbedingt arbeiten mußten. Pastor in St. Marien war zu der Zeit Hermann Josef Lange, der die Probleme in seiner Arbeitergemeinde erkannte und handelte. Er organisierte Lebensmittel aus dem katholischen Emsland und aus Twistringen und vermittelte viele Kinder auf Bauernhöfe in diesen Regionen, wo diese im wahrsten Sinne des Wortes durchgefüttert wurden. "Der rote Pastor", wie Dr. Hermann Josef Lange wegen seines großen sozialen und karitativen Engagements genannt wurde, war auch Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann für manche Männer der Konflikt. Einerseits der Kirche treu bleiben, andererseits Arbeit und damit Brot für die Familie zu haben. Diese Arbeit gab es oft nur über den Eintritt in Nazi-Organisationen. Doppelmitgliedschaf-ten in kirchlichen und NS-Organisationen waren verboten. Trotzdem hatte zum Beispiel der Arbeiterverein St. Mariens auch 1937 noch 184 Mitglieder, die sich mutig zu ihrem Glauben bekannten.

1938 kam das Ende für die Marienschule, rücksichtslos und brutal wurden die staatlichen Zahlungen "mit sofortiger Wirkung" eingestellt, die Existenz der Schule damit vernichtet. In der Kirche wurde Pastor Wilhelm Thiemann bespitzelt und ebenso wie seine Kapläne und Vikare des öfteren zur Gestapo vorgeladen und verwarnt. Als 1941 für polnische Zwangsarbeiter/innen der Gottesdienstbesuch verboten wurde und ihnen auch bei Bombenalarm die Bunkertüren verschlossen blieben, fanden sie in der Kapelle des Waisenhauses in der St.-Magnus-Straße immer eine offene Tür.
Nachdem die Marienkirche 1943 zweimal bei Bombenangriffen schwer getroffen worden war, kam in der Schreckensnacht vom 18. auf den 19. August 1944 das endgültige Aus: Zusammen mit dem Bremer Westen ging auch St. Marien, im Zentrum des Angriffs gelegen, im Feuersturm unter.
Fast zehn Jahre dauerte es, bis wieder eine neue Marienkirche an alter Stelle stand, in der am 27. Mai 1954 Bischof Wilhelm Berning den ersten Gottesdienst abhielt. Die Zeit des Wiederaufbaus ist verbunden mit dem Namen des damaligen Pastors Hermann Vogelsang, der unermüdlich in nicht so stark vom Krieg betroffenen ländlichen Gebieten im Osnabrücker Land und im Emsland "Bettelpredigten" hielt und so zusammen mit den spendenfreudigen Marianern das Geld für die neue Kirche aufbrachte. Zu dieser Zeit, als der Westen in veränderter Form wiederaufgebaut wurde, bekam St. Marien mit der Wilhadikirche einen neuen Nachbarn. "Dem Gedanken der Ökumene lebendige Wirklichkeit verleihen", war nun das Motto beider Gemeinden. Das äußerte sich zum Beispiel in der Öffnung der Marienschule für evangelische Kinder, wobei es als erster Pastor Dr. Petzinna von Wilhadi war, der seine Kinder "zur Konkurrenz" in die Schule schickte.

Nach dem äußeren Wiederaufbau ging es dann um die "menschlichen Bausteine". Eine Aufgabe für Pastor Richard Möller, einem Seelsorger, bei dem über drei Jahrzehnte, von 1965 bis 1996, in St. Marien keiner vergebens an die Tür klopfte, und der unzähligen Menschen nicht nur katholischen Glaubens in schweren Stunden Beistand geleistet hat. Bei Richard Möllers Abschied spürte die Gemeinde, daß es erneut einen Umbruch geben würde. Die Personalnot in der katholischen Kirche Deutschlands erreichte 1996 auch den Bremer Westen. Möllers Nachfolger Robert Wagner war vom Beginn seiner Amtszeit an für zwei Gemeinden zuständig, für St. Marien und St. Bonifatius in Findorff. Die Gemeinden des Bremer Westens, außer St. Marien noch St. Josef, St. Nikolaus und St. Bonifatius, die alle drei im Laufe der Jahrzehnte aus St. Marien hervorgingen, mußten wieder enger zusammenrücken.

Juli 2000