St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Der Standort der Kirchen St. Marien und Wilhadi
Wie es zu dieser ökumenischen Nachbarschaft im Bremer Westen kam

Die Bremische Evangelische Kirche veranstaltet am Samstag, 20. September 2008, eine „Nacht der Kirchen". Im Bereich der Wilhadigemeinde läuft diese Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der benachbarten katholischen St.-Marien-Gemeinde (1) unter dem Motto: „Wenn es Nacht wird in Walle – Ökumene im Stadtteil". Damit wird die seit über einem halben Jahrhundert bestehende gute ökumenische Nachbarschaft der beiden Kirchengemeinden zum Ausdruck gebracht und fortgeführt.

Das Wort Ökumene stammt aus dem Griechischen und bedeutet im Wortsinn „die bewohnte Erde". Heute ist Ökumene die Bezeichnung für das weltweite Zusammenwirken fast aller christlichen Kirchen. Wie kam es zu dieser frühen und für die damalige Zeit eher ungewöhnlichen Ökumene im Bremer Westen, zu dieser Nachbarschaft der beiden Gotteshäuser, von denen die Wilhadikirche ja ursprünglich ganz woanders stand? Warum war das so gewollt? Waren die Verantwortlichen für diese Planung der Nachkriegszeit damals ihrer Zeit voraus und leidenschaftliche Ökumenebefürworter?

Um die Gründe für diese Nachkriegsentwicklung zu verstehen, muss man zurückgreifen in die Geschichte Walles und Utbremens bis in das Jahr 1888. Als Folge von Zollanschluß, Hafenbau und der damit verbundenen Industrieansiedlung „wachsen die Häuser wie Pilze aus dem Boden" (2), formulierte seinerzeit ein Zeitzeuge. Mit den Häusern entstanden Straßen in einem Tempo, das eine vernünftige Planung beziehungsweise Raum­ordnung nicht mehr zuließ. Die Anlage öffentlicher Grünanlagen wurde versäumt.

Bis 1878 gehörten die evangelischen Christen in Utbremen mit zur Stephanigemeinde. Aufgrund der rasanten Entwicklung des Bremer Westens fassten die Bauherren und Pastoren von St. Stephani schon frühzeitig den Entschluss, eine neue Vorstadtgemeinde zu gründen. Die Wilhadikirche entstand an der Nordstraße – anfangs fast noch auf der grünen Wiese – ungefähr zwischen der Erasmusstraße und der Thüringer Straße. Heute erinnern eine Mauer und ein paar Bäume, in Form eines Kirchenschiffes gepflanzt, an der Nordstraße noch an die alte Kirche beziehungsweise deren Turm, der 1885 fertiggestellt wurde. 1886 war der gesamte Bau vollendet, nachdem die Kirche schon 1878 geweiht worden war (3).

1898 zogen dann Bremens Katholiken mit der Marienkirche und 1899 mit der dazugehörigen Gemeinde, Schule und Waisenhaus am Steffensweg Ecke heutige St.-Magnus-Straße nach. Grund dafür war der weiterhin ungebremste Zustrom von zum großen Teil katholischen Arbeitskräften (4). Auch für sie wurden neue Häuser gebaut und damit neue Straßen angelegt.

Dabei wurde „planlos Straße an Straße gereiht", formulierte 1955 Baudirektor Dr.-Ing. Franz Rosenberg (5). Dies war schon den Stadtplanern in den Jahren 1926 bis 1930 ein Dorn im Auge. Die Planer um Carl Thalenhorst zeigten damals die Mängel in der bisherigen Planung auf und stellten dabei unter anderem fest, dass vor allem der Bremer Westen „eine hohe  Besiedlungsdichte und viel zu wenig öffentliche Grün- und Erholungsflächen" besaß (6).Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet zwischen dem Eisenbahngelände im Nordosten und Südosten (Oldenburger Bahn) und der Weser im Südwesten sowie der Linie Elisabethstraße, Columbus- und Bremerhavener Straße am 18./19. August 1944 bei einem Bombenangriff völlig zerstört. 33 000 Menschen verloren dabei ihre Häuser und Wohnungen. Zerstört wurden auch die Marienkirche und die Wilhadikirche. Für die Stadtplaner bedeutete dies, so makaber es klingen mag, die Chance, die – ihrer Ansicht nach – Planungssünden der Vergangenheit zu korrigieren.

Der Bremer Senat beschloss 1949 einen „Generalverkehrslinienplan" und gab damit die Grundzüge für die Planung vor. Der an der Planung beteiligte Dipl.-Ing. Hans Eilers stellte damals zwei „Leitgedanken" für den Wiederaufbau der westlichen Vorstadt vor. Der zweite davon betraf auch die Kirchen: „Wir ordnen die Flächen für Schulen, Kirchen, Spiel- und Sport am Grünzug an, um diesen für das Auge zu erweitern (7)." Der Grund dafür: Das neu anzulegende Waller Grün fiel mit maximal 40 Metern Breite nicht allzu üppig aus. Die Wilhadigemeinde, die zu dieser Zeit nur wusste, dass ihre Kirche und Gemeinde nicht an alter Stelle wieder aufgebaut werden sollte, trat 1949 in die „Wiederaufbaugemeinschaft West" ein. Das Eintrittsgeld betrug drei D-Mark, der Monatsbeitrag 1,50 D-Mark. Metalldiebe, die in der heutigen Zeit wieder vermehrt ihr Unwesen treiben, gab es auch damals schon: Am 24. August 1949 erfuhren die Verantwortlichen in der Wilhadigemeinde, dass von ihrer Turmruine an der Nordstraße die metallenen Zifferblätter der Uhr gestohlen worden waren (8).

Die  Bauverwaltung schrieb einen Wettbewerb aus, den die Architektengemeinschaft Dr.-Ing. Max Säume und Dr.-Ing. Günther Hafemann gewann. Am 2. Oktober 1950 konnte Pastor Ernst Arlt dann seinen Gremien endlich „den neuen Plan für den Wiederaufbau des Westens vorlegen, in dem auch ein Platz für den Bau der Wilhadikirche enthalten war". 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, wurden von der Bremischen Bürgerschaft die Bebauungspläne beschlossen. Parallel zur Planung für den Wiederaufbau lief ein umfangreiches Grundstücks­tauschprogramm, Umlegungsverfahren genannt. Die Besitzer der vielen kleinen Einzelgrundstücke mussten ihre Häuser an völlig anderer Stelle im Stadtteil neu errichten, weil zum Beispiel ihre Straße gar nicht wieder aufgebaut beziehungsweise völlig umgestaltet werden sollte. Etliche Grundstückseigentümer mussten dem Waller Grün weichen. Wohnblöcke – von den Planern „Zeilen" genannt – sollten teilweise das bisher vorherrschende Einfamilienhaus ersetzen. Für diejenigen Grundstücksbesitzer, die einer Grundstücksumlegung „mit Unlust" gegenüberstanden, beschloss das Bremer Parlament 1953 ein Enteignungsgesetz. Die „Unlustigen und Widerstrebenden" wurden ab diesem Zeitpunkt, wenn nötig, schlichtweg enteignet.

Ein Zeitzeuge, der dies als Betroffener damals selbst erlebt hatte, ist Karl-Heinz Hofmann. Familie Hofmann wohnte seinerzeit in der Schönebecker Straße. Beim 117. Luftangriff auf Bremen am 26. November 1943 wurde auch das Haus der Hofmanns zerstört. Die Familie wurde ins Bremer Umland evakuiert. 1953, also zehn Jahre nach der Zerstörung ihres Hauses im Bremer Westen, wurden die Eltern von Karl-Heinz Hofmann von der Wohnungsbaugesellschaft Bremer Treuhand angeschrieben. Ihr alter Wohnsitz, die Schönebecker Straße, sollte teilweise (neben der Marienkirche) ganz entfallen, und teilweise im vorderen Teil zur Nordstraße völlig neu gestaltet werden. Den Hofmanns wurde deshalb ein neues Grundstück angeboten in der heutigen Hegemannstraße. Dreist war bei diesem Angebot allerdings, dass es für das alte Grundstück in der Schönebecker Straße nur 24 D-Mark Entschädigung pro Quadratmeter gab, und in der Hegemannstraße 33 D-Mark bezahlt werden mussten. Die Familie wurde in dem Anschreiben als „Bauanwärter" bezeichnet. Das neue Haus kostete inklusive Grundstück 25 000 D-Mark und konnte 1955 bezogen werden. Hätte Familie Hofmann dem Angebot nicht zugestimmt, wäre ihr altes Grundstück enteignet worden (9).

Auf dem Gelände St. Mariens, das Kirche, Schule, Pfarrhaus und Waisenhaus beheimatete, lag bis auf das Gebäude des Waisenhauses alles total in Trümmern. Das Waisenhaus – heute St. Johannis Kinder- und Jugendhilfe – war durch Bombentreffer stark beschädigt, konnte aber behelfsmäßig hergerichtet werden. Im Keller dieses Gebäudes fanden die ersten Gottesdienste nach dem Krieg statt. Teile der zerstörten Gemeindebauten wie zum Beispiel die Schule, konnten an alter Stelle nicht wieder aufgebaut werden, weil an ihrem Standort der Grünzug, das Waller Grün, geplant war. Durch Grundstückstausch wurde das Areal St. Mariens, früher „der Vatikan" genannt, geteilt und in Richtung Nordosten zur Hauffstraße hin erweitert. Im Dezember 1950 wurde ein Pfarrsaal eingeweiht, den die Gemeinde in Eigenarbeit aus den Resten von zwei Klassenzimmern der ehemaligen Marienschule errichtet hatte. Ab dem Jahre 1951 wurden hier auch Gottesdienste gefeiert (10).

Die Wilhadikirche war an ihrem alten Standort der geplanten Verbreiterung der Nordstraße im Wege. Außerdem sollte das Areal um den stehengebliebenen Kirchturm als Grünzone einen Puffer zum gegenüberliegenden Hafengelände bilden. Der Platz für den Neubau von Kirche und Gemeindezentrum sollte aus Sicht der Stadtplaner grundsätzlich am „Waller Grün" liegen, aber wo genau, darüber wurde zwischen Wilhadi und dem Stadtplaner Dr.-Ing. Franz Rosenberg gestritten. Im März 1951, so steht es im Protokoll einer Vorstandssitzung – das in einem Schreibheft festgehalten wurde –, sollten Kirche und Gemeindehaus an der Ecke Steffensweg/Grenzstraße angesiedelt werden, auf einem Areal, das zum Gebiet der Immanuelgemeinde gehörte. Dafür hätten aber die „Sprengelgrenzen" verändert werden müssen. Die Wilhadigemeinde bevorzugte zu der Zeit ein Areal begrenzt von Arndtstraße und Calvinstraße und lehnte den Platz an der Grenzstraße ab. Im Oktober 1951 gab es immer noch keine Übereinkunft mit der Baubehörde. Die Verantwortlichen in Wilhadi schrieben daraufhin einen Brief an den Präsidenten des Bremer Senats, Bürgermeister Kaisen. Ein Jahr später, im März 1952, gab Oberbaurat Rosenberg dann nach und stimmte dem Vorschlag von Pastor Ernst Arlt zu, „den Platz am Steffensweg zwischen Zwinglistraße und St.-Magnus-Straße gegenüber der Marienkirche zu wählen. Es wurde der Vorschlag gemacht, beiderseits einen gemeinsamen Entwurf für den Bau der Kirchen zu beraten."

Bei einem Telefonat mit dem Kaplan von St. Marien, Wolfgang Müller, „zeigte sich derselbe überrascht von unseren Plänen und antwortete, er müsse dies dem Dechanten Ohrmann vortragen. Dechant Ohrmann hat daraufhin Bedenken geäußert wegen des so nahen Zusammenseins der beiden Kirchen", heißt es in einem Protokoll der Vorstandssitzung der Wilhadigemeinde vom 2. April 1952. Die Katholiken, zumindest jene, „die in der oberen Etage" Verantwortung trugen, waren also nicht gerade begeistert über ihre zukünftigen Nachbarn, von Ökumene war demzufolge 1952 noch nicht die Rede.

In der Wilhadigemeinde stand derzeit auch noch ein Grundstück an der Nordstraße zur Debatte. In einer Aussprache über beide zur Verfügung stehenden Plätze entschieden sich die Verantwortlichen dann allerdings für den heutigen Standort am Steffensweg zwischen St.-Magnus-Straße und Zwinglistraße und damit für die Nachbarschaft mit der katholischen St.-Marien-Gemeinde. Im Juli 1952 wurde von Dipl.-Ing. Steeneck von der Bauabteilung der Bremischen Evangelischen Kirche ein Architektenwettbewerb „in die Wege geleitet". Die „Aufbaugemeinschaft West" bat zu dieser Zeit die Wilhadigemeinde, ihr die Turmruine der alten Kirche an der Nordstraße „zu übereignen, um ihn dann durch eine Sammlung zu einem Mahnmal umzugestalten".

Der Vorstand der Wilhadigemeinde stand nun zunächst vor der Aufgabe, die Eigentümer der 17 Grundstücke zu ermitteln, auf deren Arealen Kirche und Gemeindezentrum gebaut werden sollte. Das war zur damaligen Zeit kein leichtes Unterfangen, denn die Ausgebombten waren ja gewissermaßen „in alle Himmelsrichtungen zerstreut". Im März 1953 stand die Gemeinde dann vor dem Ankauf der Grundstücke. Bei denjenigen Eigentümern, die nicht verkaufen wollten, musste sich die Gemeinde an die Baubehörde wenden, damit diese gegebenenfalls ein Enteignungsverfahren einleiten konnte (11).

Beim zukünftigen Nachbarn St. Marien stand zu dieser Zeit auch noch keine neue Kirche, aber die Katholiken waren schon einen Schritt weiter als die Protestanten. Der tatkräftige Pastor Hermann Vogelsang, seit Oktober 1951 in der Gemeinde, arbeitete von Beginn an auf den Bau einer neuen Kirche hin und dabei auch eng mit Dr.-Ing. Franz Rosenberg zusammen. Mit der Frage „Wollen Sie bei mir beichten?" empfing der Oberbaurat einmal den Pastor in einer Bauangelegenheit. Dessen schlagfertige Antwort: „Aber nur, wenn Sie mir anschließend die Absolution erteilen!" Sechs Entwürfe brachte ein Architektenwettbewerb für die neue Marienkirche. Unter Leitung Rosenbergs entschied sich eine Kommission für die Pläne der Brüder Bernhard und Georg Lippsmeier. Auch die Mariengemeinde votierte in einer geheimen Abstimmung für diesen Entwurf.

Schon bevor am 23. Juni 1953 der erste Spatenstich für die Marienkirche erfolgte, war für die Wilhadigemeinde Fritz Brandt als Architekt für den Neubau von Kirche und Gemeindegebäuden gewonnen worden. Brandt „erläuterte" den Gremien der Gemeinde am 10. März 1953 anhand des Modells der Architekten Lippsmeier, dass nur eine „Gesamtplanung beider Gemeinden in Frage kommen könne". Weiterhin bemühte sich der „Vorstand" der Wilhadigemeinde um mehr Grundstücksfläche und um die Genehmigung, die Kirche „einige Meter weiter zurück in den geplanten Grüngürtel zu bauen", weil dadurch eine wesentlich günstigere Planung erreicht werden konnte. Danach gab es ein Gespräch zwischen den Pastoren Hermann Vogelsang auf katholischer und Ernst Arlt auf evangelischer Seite sowie dem Architekten Fritz Brandt „über die Bauvorhaben beider Gemeinden" (12). Eine Woche später wurden die Entwürfe für die Marienkirche dem Vorstand der Wilhadigemeinde vorgeführt, damit „dieser auch von sich aus sich von der hervorragenden Lösung des Gesamtbauvorhabens beider Gemeinden überzeugen könne". Man sprach also vor Ort bereits im März 1953 vom „Gesamtbauvorhaben beider Gemeinden".

Anders war das bei den übergeordneten Gremien: Der Kirchenausschuß, auch als „Leitung" der Bremischen Evangelischen Kirche bezeichnet, tagte am 17. Juli 1953. Teilnehmer an dieser Sitzung waren auch Wilhadis Pastor Ernst Arlt und Architekt Fritz Brandt. Die beiden berichteten ihren Gremien in Wilhadi noch am selben Tag: „Der Kirchenausschuß brachte seine Bedenken gegen den Aufbau unseres Gemeindezentrums unmittelbar neben dem der katholischen Gemeinde zum Ausdruck. Ebenso würden die Größenunterschiede, insbesondere dass die katholische Kirche ganz wesentlich größer als die unsrige Kirche gebaut wird, beanstandet. Von unseren Herren wurde dargelegt, dass unserer Gemeinde trotz langwieriger Verhandlungen kein anderer Platz als dieser zur Verfügung gestellt werden konnte. Außerdem sind inzwischen, bis auf drei, sämtliche Grundstücke angekauft. Unsererseits ist stets darauf hingewiesen worden, dass dieser Platz nicht ausreichend sei. Nur aus diesem Grunde sind wir gezwungen, die Bauten in der geplanten Größe durchzuführen. Herr Brandt wurde vom Kirchenausschuss beauftragt, weitere Modelle anzufertigen und einzureichen. Um nicht von den Bauten der katholischen Gemeinde erdrückt zu werden, kann bei unserem Bauvorhaben nur noch in der Qualität der Ausführung und ganz sauberen Details entgegengewirkt werden." Insofern unterschieden sich die beiden großen christlichen Konfessionen nicht voneinander. Ökumene war zu dieser Zeit immer noch ein Fremdwort in den „Chefetagen", allerdings nicht nur dort, sondern auch bei manchen Christen vor Ort.

In der St.-Marien-Gemeinde erfolgte am 15. August 1953 die Grundsteinlegung für die neue Kirche durch Dechant Heinrich Ohrmann, dem Bischof Berning am 15. Februar auch das Amt des Propstes von St. Johann verliehen hatte. Das Kirchenschiff wurde versetzt neu erbaut. Nur der neue Kirchturm steht an der Stelle des alten und wurde um dessen Stumpf herumgebaut. Richtfest wurde am 14. November 1953 bei stürmischem und regnerischem Wetter gefeiert. Eisiger Frost zu Beginn des Jahres 1954 verzögerte die Fertigstellung der Kirche um vier Wochen, aber am 27. Mai war es dann soweit: Am Tag Christi Himmelfahrt wurde die neue Marienkirche geweiht und Erzbischof Dr. Wilhelm Berning feierte den ersten Festgottesdienst in dem neuen Gotteshaus, einem „modernen Zweckbau" wie es damals hieß, mit 490 Sitzplätzen.  Der Ende 1950 in Eigenhilfe errichtete Pfarrsaal musste 1956 der Anlage des Grünzuges weichen. Die neue Marienschule errichteten die Katholiken 1956/1957 mit viel Eigenleistung auf dem getauschten, teils auch selbst erworbenen Grundstück in dem auch Teile der Arndtstraße und der Schönebecker Straße aufgegangen waren.

Während an der Marienkirche 1953/54 noch fleißig gebaut wurde und etliche Gläubige aus der Gemeinde darüber lästerten, dass da ja eine „Fabrikhalle" entstehen würde, beauftragte der Vorstand der Wilhadigemeinde die Glockengießerei Otto in Hemelingen mit der Bergung und Einlagerung ihrer verbliebenen Glocke aus dem alten Kirchturm an der Nordstraße, was im Januar 1954 geschah. Ende Mai fehlten der Gemeinde noch fünf Grundstücke für ihr Bauvorhaben, und zwar eins an der Zwinglistraße, zwei am Steffensweg und zwei an der St.-Magnus-Straße. Diese Immobilien befanden sich noch in Privatbesitz. Die Eigentümer erklärten sich aber nach und nach bereit zum Verkauf ihrer Grundstücke. Ein Jahrzehnt war mittlerweile vergangen seit der Zerstörung des Bremer Westens, und der Wiederaufbau noch lange nicht beendet. Anlässlich „der 10jähr­igen Wiederkehr des Tages der Zerstörung des Bremer Westens" fand in der Immanuel-Kapelle in der Elisabethstraße am Mittwoch, 18. August 1954, um 20 Uhr eine Gedenkfeier statt.

Eine Form der Finanzierung für den Bau der Kirchen und der dazugehörigen Räumlichkeiten war in beiden Gemeinden der Verkauf von „Bausteinen". Eifrige Sammler aus den Pfarreien gingen von Haus zu Haus um die Gemeinde(mit)glieder in Form gedruckter Urkunden, den sogenannten „Bausteinen", im Werte von 50 Pfennig bis 10 D-Mark „zur Kasse zu bitten". Schon 50 Pfennig waren damals für die meisten Menschen im Bremer Westen viel Geld, und manche der so angesprochenen Gläubigen fühlten sich auch ein wenig unter Druck gesetzt bei diesen Sammlungen. In der Mariengemeinde machte damals dementsprechend ein Spruch die Runde: Der Vogel macht piep, piep – der Vogelsang gib, gib!" Ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk bekam die Wilhadigemeinde am 1. Dezember 1954: Das Stadtplanungsamt teilte dem Vorstand mit, dass der Ankauf des letzten Grundstückes am Steffensweg erfolgt sei. Die Grundsteinlegung für die Kirche sollte nun gegen Ende Januar 1955 erfolgen, sobald die Decke des Kellergeschosses, an dem seit Herbst 1954 gebaut wurde, fertig gestellt sein würde. Aber der strenge Frost in diesem Winter machte den Planern in Wilhadi einen Strich durch die Rechnung. Mit zwei Monaten Verspätung fand die Grundsteinlegung dann „einen Tag vor Palmarum", am Samstag, 2. April, um 17 Uhr statt. Weitere Verzögerungen am Kirchenbau gab es zudem noch wegen der Lieferschwierigkeit bei Steinen.

Einer der Eigentümer, der sein Grundstück für den Bau der Wilhadikirche hergab, war der katholische Kaufmann Johann F. Golly. Genau da, wo sich nun die Wilhadikirche im Bau befand, stand vor dem Bombenangriff vom 18./19. August der in der Mariengemeinde so bekannte und beliebte Laden von Johann F. Golly, dessen Frau bei einem Bombenangriff 1942 ums Leben kam. Die Gollys kamen zunächst in Schwachhausen unter. Johann F. Golly bekam im Rahmen des Umlegungsverfahrens ein Grundstück an der Ecke Gustav-Adolf-Straße/Ecke Steffensweg und kehrte Mitte der fünfziger Jahre in den Westen zurück (13).

Richtfest feierte die Wilhadigemeinde am 2. September 1955. Die Räumlichkeiten dafür stellte die St.-Marien-Gemeinde „freundschaftlicher Weise" zur Verfügung. Wilhadis Pastor Ernst Arlt war mittlerweile in die Jahre und damit dem Ende seines „Berufslebens" nahe gekommen. Deshalb suchte er ab Anfang 1955 einen Nachfolger und es lief parallel zu den Bauarbeiten eine Ausschreibung für die Besetzung der Pfarrstelle in Wilhadi. Zweimal wurde deshalb auch im kirchlichen „Sonntagsblatt" inseriert. Einer der vier Bewerber, die sich daraufhin meldeten, war Dr. Wilhelm August Petzinna, zu der Zeit noch Pfarrer der Kirchengemeinde Kapernaum in Berlin (14). Die Wilhadigemeinde bat allerdings den Kirchenausschuss, „Herrn Pastor Arlt einen Beschäftigungsauftrag . . . bis zur Einweihung der neuen Kirche zu erteilen".

Am 15. April 1956 war es dann aber endgültig soweit: Pastor Ernst Arlt, seit 1913 in der Wilhadigemeinde, hielt seine Abschiedspredigt vor der Gemeinde. Nach 43 Jahren Dienstzeit, in der er sich während der Nazi-Diktatur der Bekennenden Kirche angeschlossen hatte und in Opposition zu den Machthabern stand, ging der Pastor nach arbeitsreichen und schweren Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Amt wurde von Pastor Dr. Petzinna übernommen, den das Protokoll der Kirchenvorstandssitzung allerdings als Nachfolger Pastor Penzels, weiterer Pastor in der Wilhadigemeinde, bezeichnete. Die Einweihung des Gemeindezentrums in Wilhadi fand am 9. September 1956 statt. Die erste Predigt in der neuen Kirche hielt Pastor Dr. Petzinna. Das Thema befaßte sich mit dem „Losungswort, das unser Bundespräsident Heuss in die von ihm gestiftete Bibel eingeschrieben hatte: Denn unser Herz freuet sich sein, und wir trauen auf seinen heiligen Namen".

Nachbarschaft muss gelebt und gepflegt werden, waren sich die beiden Pastoren der Gemeinden, Hermann Vogelsang auf katholischer und Dr. Wilhelm August Petzinna auf evan­gelischer Seite einig. Da spielten bei beiden Seelsorgern auch die schlimmen Erfahrungen mit, die Christen während der Zeit des Nationalsozialismus' und im Zweiten Weltkrieg  gemacht hatten. Berührungsängste den Protestanten gegenüber gab es bei Pastor Vogelsang, der 1910 als fünftes von neun Kindern einer Ostenfelder Bauernfamilie geboren wurde, spätestens seit 1945 nicht mehr. In russischer Kriegsgefangenschaft hielt er als Lagerpfarrer auch evangelische Gottesdienste wenn kein Amtsbruder von der „anderen Fakultät" vorhanden war. Von Anfang an bemühten die Geistlichen sich deshalb darum, dass nicht nur die Kirchtürme im „freundlichen Miteinander" zusammenstanden. „Dem Gedanken der Ökumene lebendige Wirklichkeit verleihen", das war für die Zukunft das gemeinsame Motto der Nachbargemeinden. Die Glocken Wilhadis läuteten, wenn gegenüber der Osnabrücker Bischof zu Besuch kam, und Dr. Petzinna schickte seine Kinder in die katholische Marienschule. St. Marien feierte oft seine Feste im geräumigen Gemeindesaal von St. Wilhadi, und katholische Gottesdienste wurden in der Wilhadikirche gefeiert, als die Marienkirche 1972 renoviert wurde (15).Katholische Gottesdienste in einer evangelischen Kirche, dass war 1959 noch „Zukunftsmusik", als Sabine, die Tochter von Wilhadis Pastor Wilhelm August Petzinna, als erstes evan­gelisches Kind in der Marienschule eingeschult wurde. Dies geschah zu einer Zeit, als die drei katholischen Schulen in Bremen die einzigen Bekenntnisschulen waren. Pastor Petzinna – erinnerte sich der damalige Schulleiter der Marienschule, Hans Schnieders –, hatte diese Einschulung schon am 20. August 1957 angedeutet, als die Marienschule ihre neuen Gebäude an der Hauffstraße bezog: „Meine Kinder sollen auch mal auf diese Schule gehen." In der Wilhadigemeinde fand diese Einschulung allerdings nicht durchgehend Zustimmung (16).

Die katholische Kirche war damals auch noch nicht offiziell auf „Ökumenekurs", was aber Pastor Hermann Vogelsang nicht störte. Es ist zwar heute nicht mehr festzustellen, ob er mit Genehmigung des Propstes handelte, es darf aber angenommen werden, dass er selbständig bei der Einschulung des ersten nichtkatholischen Kindes entschied. Eine Meinungsäußerung, die er Jahre später einmal zu diesem Thema abgab, lautete: „Warum soll ich fragen, wenn ich weiß, dass ich doch nicht die richtige Antwort  bekomme (17)!" Den „Segen von oben" holte er sich aber spätestens, als im Jahre 1961 August Sandtel neuer Propst in St. Johann und Dechant in Bremen wurde und weitere Einschulungen eine generelle Klärung nötig machten. Propst Sandtel war, so sahen es nicht nur seine „Schäfchen" in Bremen, sehr souverän gegenüber seinen übergeordneten Stellen in Osnabrück und nicht in dem Glauben, in allen Angelegenheiten den Bischof konsultieren zu müssen.

Die gute Nachbarschaft am Steffensweg/St.-Magnus-Straße hatte aber über Walle und Utbremen hinaus Wirkung: Sabine Petzinnas Aufnahme in der Marienschule hatte „Modellcharakter", denn später führte Propst Sandtel im Kirchenvorstand, der damals noch für alle katholischen Gemeinden zuständig war, einen „förmlichen Beschluss" herbei, dass auch evangelische Schüler in den katholischen Schulen aufgenommen werden können (18). Die offizielle „bewohnte Erde" gab es auch erst Jahre später, und zwar 1964 unter Papst Johannes XXIII. auf dem „Vatikanum II", dem zweiten Vatikanischen Konzil. Dort erst wurde offiziell das beschlossen, was auf katholischer Seite die St.-Marien-Gemeinde – vertreten durch Pastor Hermann Vogelsang – später mit Billigung des Bremer Dechanten, Monsignore August Sandtel, schon längst praktisch vorweggenommen hatten: das Ökumenismusdekret. Dieses korrigierte die bis dahin restriktive Haltung Roms gegenüber der Ökumenischen Bewegung. Es ist eben ein weiter Weg vom Bremer Westen nach Rom und umgekehrt.

Ökumenische Gottesdienste, Feste und Veranstaltungen wie der gemeinsame Laternenumzug am Martinstag und die jetzt anstehende „Nacht der Kirchen" sind längst ökumenischer Alltag. Allen nachfolgenden Geistlichen Wilhadis und Mariens war die gute Nachbarschaft eine Herzensangelegenheit und in diesem Geiste harmoniert auch das derzeitige „ökumenische Gespann" Hartmut Strudthoff und Robert Wagner. Den Bewohnern Walles und Utbremens ist der Anblick der nebeneinanderstehenden Kirchen am Waller Grün zur vertrauten Gewohnheit geworden. Ein Stück „bewohnte Erde" , ursprünglich entstanden aus den Zwängen der Stadtplanung. Mit Leben erfüllt wurde es durch Menschen, die das Nebeneinander zum Miteinander im ökumenischen Geiste gemacht haben.Interessant ist auch, wie Ortsfremde auf diese ökumenische Nachbarschaft schauen: Am 27. Januar 2004 stellte der Architekt Ulrich Recker, der Umbau und Renovierung der St.-Marien-Kirche im Jahre 2003 geleitet hatte, einen Entwurf zur Außengestaltung der Kirche vor und erläuterte diesen anhand von Skizzen. Seine Idee war, St. Marien und Wilhadi optisch durch bauliche und gestalterische Maßnahmen noch mehr zu einem „sakralen Quartier" zu verbinden. Recker verwies dabei auf die einmalige Konstellation, die beide Kirchen auf­grund ihres nachbarschaftlichen Standortes am „Waller Grün" ohnehin schon haben. Ob seine „Vision" einmal Wirklichkeit wird, hängt nicht zuletzt von den bei allen beteiligten Institutionen nicht oder nur spärlich vorhandenen Mitteln zur Finanzierung dieses Projektes ab. Die Bereitschaft, Ulrich Reckers Pläne zu verwirklichen, ist sowohl in den beiden Gemeinden, beim Bistum Osnabrück und auch bei den Zuständigen im Ortsamt Bremen-West vorhanden.

Fußnoten:

(1) Das Gebiet der St.-Marien-Gemeinde hat sich  im Laufe ihres jetzt 110jährigen Bestehens mehrfach geändert. In dem Zeitraum, den dieser Bericht behandelt, gab es auf dem Gebiet der heutigen Mariengemeinde außerdem noch die Gemeinde St. Josef (Oslebshausen) und St. Nikolaus (Gröpelingen), 1959 wurde die Gemeinde St. Bonifatius (Findorff) von St. Marien abgepfarrt. Seit dem 1. Januar 2007 sind alle vier Gemeinden im Pastoralen Raum Bremer Westen zu einer Gemeinde zusammengelegt worden, die auf Anordnung des Bischofs von Osnabrück den Namen St. Marien erhalten hat

(2) Georg Urban: „Die katholischen Arbeitervereine und die christlich-soziale Bewegung in Bremen von 1904 bis 1945", S. 13, Hrsg.: Kettelerhaus GmbH, Köln, Bremen 1979

(3) „100 Jahre Wilhadikirche", Hrsg.: Evangelische Wilhadi-Gemeinde, 1978

(4) Hermann Sandkühler: „Aus Böhmen kam nicht nur die Musik", in „100 Jahre St. Marien –  Erlebte Geschichte einer Kirchengemeinde im Bremer Westen 1898–1998, S. 9 ff, Hrsg.: St.-Marien-Gemeinde, 1998

(5) „Die Neugestaltung Bremens, Heft 5: Die westliche Vorstadt", S. 6, Hrsg.: Senator für das Bauwesen, Bremen 1955; Oberbaurat Dr.-Ing. Franz Rosenberg war nach dem Krieg als Planer für den Wiederaufbau des Bremer Westens zuständig, als Baudirektor war er von 1955 bis 1970 Leiter der Bremer Bauverwaltung

(6) Oberbaurat Friedrich Lempe: in „Ein Vorbild für die Methodik stadtplanerischer Arbeit – Stadt- und Landesplanung Bremen 1926–1930, S. 249–275, Hrsg.: Der Wiederaufbau, Verlag zur Förderung der Mitarbeit des Bürgers am Städtebau, Bremen 1979

(7) wie Anm. 5, Dipl.-Ing. Hans Eilers, S. 17

(8) Protokolle der Vorstandssitzungen der Wilhadigemeinde vom 16. und 24. August 1949; Vorstandssitzungen fanden meistens im Pastorenhaus, Hauffstraße 23, statt, wo Pastor Arlt wohnte

(9) Interview der Autoren mit Karl-Heinz Hofmann im März 2008

(10) wie Anm. 4, „Der Vogel sang gib gib", S. 65

(11) wie Anm. 8, vom 3. März 1953

(12) wie Anm. 8, vom 10. und 17. März 1953

(13) Interview der Autoren mit Frau Agnes Schultze, der Tochter von Johann F. Golly

(14) Laut Pfarrerzeittafel der Ev. Kirchengemeinde Kapernaum in Berlin war Dr. Petzinna von 1950 bis 1956 dort als Pfarrer tätig

(15) Wie Anm. 4, „Der Vogel sang gib gib", S.65 ff; „Herr Ohrmann segnete unten", S. 79 ff, und: Richard Möller: „30 Jahre Seelsorge in St. Marien, S. 99 ff

(16) „Was soll das? Soll er doch gleich da rüber gehen!", war eine der ablehnenden Äußerungen, die in der Gemeinde zu hören waren, erinnerte sich eine Zeitzeugin, die ungenannt bleiben möchte

(17) Interview von Hermann Sandkühler mit Pastor Hermann Vogelsang aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens der Mariengemeinde 1998

(18) Wilhelm Tacke: „Von der alten Volksschule über die Zwergschule zur modernen Grundschule", S. 129 ff, in „Jahrbuch des Vereins für Niedersächsisches Volkstum e. V. Bremer Heimatbund", Bremen 2004