St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Fatima-Prozessionen auch bei deutschen und polnischen Katholiken sehr beliebt

Im Jahre 1964 wurde in Deutschland der millionste Gastarbeiter begrüßt. Dass es ein Portugiese war, das war sicherlich Zufall, denn erst im selben Jahr wurde der Anwerbevertrag für Arbeitskräfte zwischen Deutschland und Portugal geschlossen. Anfang der 70er Jahre sah das schon ganz anders aus, der Gesamthafenbetriebsverein (GHB) in Bremen baute ab 1966 für portugiesische Gastarbeiter in Gröpelingen beim Industriehafen und 1972 auf einem Areal an der Bogenstraße nahe dem Gebäude des GHB an der Tilsiter Straße Unterkünfte. Von den Holzbaracken an der Bogenstraße hatten es die Beschäftigten nicht weit zu ihrem Arbeitsplatz. Sie brauchten nur durch einen Tunnel unter der Hafenbahn gehen und waren dann schon bei der Vermittlungsstelle des GHB an der Tilsiter Straße. Von dort ging es weiter zu den Einsatzorten in den Häfen.

Zehn Jahre nach dem Anwerbevertrag, 1974, kam Norbert Pais (Paisch gesprochen) aus Santa Maria da Feisa, im Norden Portugals nahe der Hafenstadt Porto gelegen, nach Bremen. Er fand Arbeit beim GHB, wo zu der Zeit ungefähr 800 Portugiesen beschäftigt waren. Zur selben Zeit, und zwar im März 1974, bemühte sich die Kolpingfamilie St. Marien sehr um die Glaubensbrüder aus Portugal. Zu einer Vorstandssitzung am 15. März, war Kolpingmitglied Wilhelm Wessels eingeladen, um über „Gastarbeiterfragen" zu referieren. „Im Bezug auf die Portugiesenbetreuung", heißt es im Protokoll dieser Sitzung, „schlug Wilhelm Wessels ein Tref-fen mit gemeinsamen Kaffeetrinken am Sonntag, 21. April vor." Aus diesem „Kaffeetrinken" entwickelten sich Mitgliedschaften und Engagement der Portugiesen bei der Kolpingfamilie in St. Marien.

Gewohnt hat Norbert Pais in den ersten neun Monaten auf dem Wohnschiff Casa Marina, das seit 1972 im Industriehafen als Unterkunft für die Portugiesen diente. Ein Jahr später kam seine Frau Maria mit den Kindern ebenfalls nach Bremen. Ihre erste gemeinsame Wohnung hatte Familie Pais im Stadtteil Findorff. Was noch fehlte, war eine Kirche als geistlicher Mittelpunkt, und so machte sich die energische Portugiesin auf die Suche. Die ersten beiden Kirchen, die Maria Pais ansteuerte waren evangelische Gotteshäuser, und freundliche protestantische Mitchristen wiesen ihr den Weg zur St.-Bonifatius-Kirche, wo ihre Kinder auch Meßdiener wurden. Familie Pais verzog später nach Grambke und da kamen zwei neue Gotteshäuser ins Blickfeld: St. Josef  in Oslebshausen und St. Nikolaus in Gröpelingen. St. Nikolaus kannte sie allerdings schon, denn in der Nikolauskirche am Ohlenhof fanden seit Anfang der 70er Jahre einmal im Monat portugiesische Gottesdienste statt. Dr. Joé Santos Simoes, ein Priester aus Portugal, kam dafür von Hamburg an die Weser. Daraus entwickelte sich ab 1975 die Arbeit der portugiesischen Mission.

Maria Pais hatte im Laufe der Zeit schon einige katholische Kirchen in Bremen kennengelernt., als sie aber das erste Mal die St.-Nikolaus-Kirche am Ohlenhof betrat, war es wie eine Eingebung für sie: Hier ist – neben der bereits vorhandenen Marienstatue – der richtige Platz für die Muttergottes von Fatima! Es war wie ein Traum, von dem sie nicht glaubte, dass er jemals Wirklichkeit werden würde. Weder Lothar Kaiping, damals Pastor in St. Nikolaus, noch Pfarrer Simoes waren begeistert, als Maria Pais sie wegen ihrer Idee ansprach. Für die Priester stand natürlich Jesus Christus im Mittelpunkt des Glaubens.

Die resolute Frau aus Santa Maria da Feisa ließ sich dadurch allerdings nicht entmutigen, sie trug ihren „Traum" immer wieder vor, interessierte ihre Landsleute für die Fatima-Madonna und sprach immer wieder mit den zuständigen Geistlichen. 1982 löste Pfarrer Nelson de Oliveira Pontes seinen Amtsbruder Dr. Joé Santos Simoes in Bremen ab, und auch ihn machte Maria Pais mit ihrem Anliegen bekannt, dessen Inhalt mittlerweile auch schon in den Gremien der Nikolausgemeinde diskutiert wurde.

Die Zuwanderer aus Portugal integrierten sich immer besser in den vier Gemeinden des Bre-mer Westens, besonders aber in St. Nikolaus in Gröpelingen. Manuel Mauricio, im wahrsten Sinne des Wortes ein „Gastarbeiter der ersten Stunde" – er war 1966 in den Bremer Westen gekommen – wurde sogar Mitglied des Pfarrgemeinderates in St. Marien

Mitte der 80er Jahre hatte das stetige Bemühen von Maria Pais und ihrer Unterstützerinnen dann Erfolg. Sowohl Pastor Lothar Kaiping als auch „Pastor Nelson", wie Nelson de Oliveira Pontes kurz genannt wurde, signalisierten der couragierten Portugiesin Zustimmung. Ab dem Jahre 1985 gab es erste Prozessionen im Grünzug bei der Nikolauskirche mit einer kleinen Madonna, die von einer portugiesischen Familie gestiftet worden war. Die Umzüge fanden auch nachts mit Kerzen statt, was besonders festlich war. Im Mai 1987, 70 Jahre nach der Erscheinung in Fatima, fand dann die „erste richtige Prozession statt", so Maria Pais. Sie führte durch die Straßen des Ohlenhofviertels.

Zwei Jahre später, 1989, hatte die portugiesische Gemeinde genug Geld zusammen, um eine neue, größere Marienstatue herstellen zu lassen. Von Hand gefertigt wurde sie in Portugal von dem Sohn desjenigen Künstlers, der die originale Marienstatue in Fatima geschaffen hatte. Die Madonna von Fatima, die – immer mit  frischen Blumen geschmückt – ihren Platz in einer Ni-sche in der Nikolauskirche hat, wird zur Prozession auf ein Tragegestellt gehoben, und es ist eine Ehre nicht nur für die Portugiesen, sondern auch für deutsche und mittlerweile auch polnische Katholiken, die Muttergottesstatue durch Gröpelingen zu tragen.

Nach Prozession und deutsch/portugiesischer Messe war es guter Brauch, dass die Teilnehmer Brot und Wein miteinander teilten. Das hat sich mit der größer werdenden Schar der Mitwirkenden immer mehr ausgeweitet. Etliche brachten Kuchen mit und die Portugiesen bereiteten für ihre Gäste Spezialitäten aus ihrem Heimatland zu. Prozessionen, Festgottesdienste und das gemeinsame Mahl bei den Zusammenkünften danach sorgten auch dafür, dass die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten sich näher kamen und sich gut verstehen.

Seit Anfang der 90er Jahre nahm die Fatima-Prozession dann den Verlauf, den sie heute noch hat, und zwar von der Nikolauskirche über die Straßen Ohlenhof, Köhlerhof, Ritterhuder Straße, Morgenlandstraße und Gröpelinger Heerstraße wieder über den Ohlenhof zurück zur Nikolauskirche. Vor der Marienstatue gehen dabei die Bannerträger und die Kommunionkinder in ihrer Festtagskleidung. Die Mädchen streuen dabei Blumen wie bei einer Hochzeit. Unter den vielen Zuschauern, die die Straßenränder säumen, sind auch viele in Gröpelingen ansässige Muslime, die der Prozession neugierig und interessiert zusehen.

Zu dieser Zeit nahmen auch schon kleine Gruppen der polnischen Mission in Bremen an den Prozessionen in Gröpelingen teil. Im Laufe des Jahres 2007 wurden die polnischen Katholiken in Bremen mal wieder „heimatlos", denn ihr bisheriger Standort, die Herz-Jesu-Kirche in der Neustadt wurde durch Umbau wesentlich verkleinert. Die Polen bekamen als Alternative die St.-Nikolaus-Kirche für ihre Gottesdienste angeboten. Nun kam zusammen was zusammengehörte, zumindest  was die besondere Marienverehrung anbetraf: Ab dem Jahre 2008 nahm die polnische Gemeinde offiziell an den Fatima-Prozessionen teil. Der Umzug wurde durch zwei Banner der polnischen Mission ergänzt, und der Speisenplan für das Fest nach der Prozession um Spezialitäten aus der polnischen Küche bereichert.

„Marias Traum", er ist nun schon seit längerer Zeit Wirklichkeit geworden, und die Portugiesin aus Santa Maria da Feisa selbst hat am meisten dafür getan, dass die Fatima-Prozession mit um die 400 Teilnehmer heute ein herausragender Termin im Veranstaltungskalender der Katholiken aus Bremen und Umgebung ist. Die portugiesische Mission gibt es seit 2006 nicht mehr, die Menschen aus Portugal haben sich – soweit sie in Bremen geblieben sind – integriert in den Kirchengemeinden der Stadt, aber die Fatima-Prozession ist für sie – und nicht nur für sie – ein die Menschen unterschiedlicher Nation verbindendes Stück Portugal im Bremer Westen.