St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Liebe Gemeinde, seit knapp 2 Monaten bin ich wie bereits einige von Ihnen wissen als Freiwilliger in Wolgograd (Russland) und werde trotz dessen, das ich schon 2 Monate hier bin immer wieder von neuen Eindrücken erschlagen. Vorweg möchte ich verkünden dass es mir super geht und ich gut angekommen bin und mich auch schon eingelebt habe. Hier in Wolgograd habe ich aber auch so was wie einen „Alltag“, der sich aber noch ganz und gar nicht wie Alltag anfühlt.

Mein Wochenprogramm sieht folgendermaßen aus: Montag und Mittwoch fahre immer von 9-11 Uhr zur Obdachlosenhilfe, hierbei bringen wir ihnen vom Haus gekochte Suppe, Brot, Tee (welcher immer beliebter wird aufgrund der sinkenden Temperaturen) und medizinische Versorgung vorbei. Den Großteil der Arbeit macht aber wohl die Konversation aus, ich versuche dabei die Probleme zu verstehen, denen sie jeden Tag aufs Neue ausgesetzt sind. Hierbei geht es zum Beispiel darum den kommenden Winter zu überleben. Tuberkulose ist dabei eines der kleinsten ihrer Probleme.

Wenn ich nicht bei der Obdachlosenarbeit bin, gehe ich jeden Vormittag von 8:30 Uhr – 12:00 Uhr in die Universität um mein russisch weiter zu verbessern. Ich bin in eine nette kleine Gruppe mit 10 Südkoreanern geraten, deren russisch sich für mich kaum von ihrem koreanisch unterscheidet. Bislang habe ich in der Universität noch nicht allzu viel gelernt, doch langsam nähern wir uns den spannenden Themen, sodass ich mal wieder besser aufpassen sollte. Mein russisch war erstaunlicherweise noch kein Problem und so etwas wie Kommunikationsschwierigkeiten hatte ich noch nicht, was ich aber wohl meinem bereits erprobten slawischen polnisch zu verdanken habe (Hier noch mal ein Dank an meine Mutti).

In der Woche gehe ich nach der Uni bzw. Obdachlosenarbeit täglich von 12-18 Uhr ins Kinderzentrum „Maria“. Das Kinderzentrum ist eine Anlaufstelle für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen. Die meisten Kinder haben nur einen Vater, eine Mutter oder eine Oma die sich für sie sorgt. Alkoholismus ist in ihren Familien auch ein geläufiges Thema. Zwar habe ich schon in Vergangenheit mit Kindern in Deutschland gearbeitet, doch das Kinderzentrum ist mit nichts davon zu vergleichen. Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten mit den Kindern Kontakt aufzubauen und fühlte mich wie das fünfte Rad am Wagen, vor allem war ich geschockt von den Aggressionen, die die Kinder häufig untereinander pflegten und meist nicht nur verbal ausließen geschockt. Nach Gesprächen mit meinen Mitarbeitern, schaffte ich es immer besser die Schlägereien zu schlichten, präventiv blieb es aber weiterhin schwierig. Beim Vertrauensprozess  blieb mir nichts anderes über als sich in Geduld zu üben und die Erwartungshaltung etwas herunterzuschrauben. Doch ich merke jetzt immer mehr, dass die Geduld fruchtet und die Kinder an Vertrauen zu mir gewinnen und ich auch schon langsam zur Anlaufstelle für Fragen werde und gerne gefragt werde ob ich Lust hätte Uno zu spielen, zu malen oder schlicht mit ihnen auf den Fußballplatz zu gehen und eine Runde gegen den Ball zu treten. Man merkt die Kinder sind gerne im Kinderzentrum und bei vielen erkennt man unter ihrer häufig rauen Schale ziemlich verletzbare Persönlichkeiten.

Jeden Samstag gehe ich von 11-13 Uhr zur Kinderkrebsklinik und bastle mit den Kindern. Meine ersten Schritte in die Klinik waren sehr schwerfällig, ich dachte bereits im Vorfeld darüber nach wie es wohl sein wird, den an Krebs erkrankten Kindern gegenüberzutreten.

Als ich dann bei den Kindern ankam und die ersten Male mit ihnen gebastelt habe, merkte ich sofort wie sich meine Starre löste und ich einfach nur von den trotz ihrer Krankheit Freude ausstrahlenden Kindern überwältigt war. Ich hatte noch nie so viel Spaß beim basteln! Zwar behalte ich immer in Hintergedanken, welches Leid den Kindern widerfährt, doch die Momente in denen wir basteln sind Momente des Glücks und des Spaßes, die alle Beteiligten für einen Moment die bittere Realität vergessen lassen machen und ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Dieses Projekt habe ich besonders lieb gewonnen.

Jeden Mittwoch steht mein „Tag Marco“ an. Dieser Tag wird dem Haus in dem ich wohne gewidmet. Ich wohne in einem Haus, welches von einer italienischen Organisation finanziell unterstützt wird, die sich darauf fokussiert Obdachlosen zu helfen. Marco ist mein Hausvater, der das Haus gebaut hat und an vielen sozialen Projekten arbeitet u. A mit Drogenabhängigen.

Marco ist mein Chef und Anlaufstelle für Fragen, doch vielmehr ist er mir ein guter Freund geworden mit dem ich offen sprechen kann und nach der Arbeit häufig Witze mit ihm reiße und lache. Ansonsten wohnen im Haus noch ein resozialisierter Straftäter und ein Behinderter, welche wohl ohne das Haus auf der Straße stehen würden. Mit den beiden Mitbewohnern verstehe ich mich blendend, mit dem über 60 jährigen resozialisierten Straftäter habe ich ein guten Draht aufgebaut und wir setzten uns jede Woche mit einem Bier in den Garten und er erzählt mir zumeist von seinem Leben (wohlgemerkt auf russisch) und wir unterhalten uns zudem noch über Gott und die Welt. Mein behinderter Mitbewohner hat mir den Einstieg hier in Wolgograd sehr erleichtert, er zeigte mir die ganze Stadt und erklärte mir was die Deutschen, alles aufbauen mussten. Doch seine Gemütsverfassung ändert sich permanent und  ist wahrscheinlich so kurvenreich wie eine Fahrt auf der wilden Maus auf dem Freimarkt, aber auch hier lerne ich es immer besser ihn einzuschätzen, aber seine Launen sind nicht bösartig, im Gegenteil ihn beschäftigt es sehr was andere über ihn denken und will mein bester Freund sein mit dem ich täglich was mache, sobald ich aber mal etwas mit anderen unternehmen will führt das zwangsläufig zur Krise.

Reisen standen und stehen bereits auch auf der Liste. Ich habe bereits die beiden anderen Standpunkte der italienischen Organisation besucht. So war ich z. B im quasi benachbarten 500 km entfernten Astrachan (http://de.wikipedia.org/wiki/Astrachan) und auf einen katzensprung ins knapp „nur“ 400 km entfernte Elista (http://de.wikipedia.org/wiki/Elista) für jeweils ein Wochenende. Beide Städte waren sehr unterschiedlich und hatten etwas sehr individuelles, Astrachan hat z. B schöne orthodoxe Kirchenbauten und Elista ist eine Stadt die einfach nicht nach Russland passt, hier wurde einfach ein Stück Asien hineingekleckst. Da die meisten diese Städte nicht kennen werden, habe ich die Wikipediaeinträge hinzugefügt um einen kleinen Eindruck zu erhalten. Nächste Woche fahre ich mit einer weiteren Erzieherin und 3 Kindern aus unserem Kinderprojekt nach Samara (http://de.wikipedia.org/wiki/Samara) um an einem Treffen der Kinderzentren des europäischen Teils teilzunehmen. Ich halte euch weiterhin gerne auf dem Laufenden und berichte gerne von meinen neusten Erlebnissen! Wer Lust hat kann sich aber auch gerne bei mir melden und Fragen stellen.

Gruß von Thomas aus Wolgograd im immer kälter werdenden Russland!

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