St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Bild 07Gute Zeiten, schlechte Zeiten, die gibt es auch in einer Kirchengemeinde. Nach der Brandkatastrophe vom 1. Mai gab es für St. Marien am Sonntag, 5. Juni, wieder einen Tag der Freude. Während der Familienmesse in der St.-Josef-Kirche wurden an diesem Sonntag um 11 Uhr Schwester Maris und Schwester Annegret vom „Orden der Krankenschwestern des Regulierten Dritten Ordens des hl. Franziskus” aus Münster-St. Mauritz in der St.-Marien-Gemeinde begrüßt. Bekannter sind sie unter dem Namen Mauritz-Schwestern.

Schwester Maris und Schwester Annegret sind am Standort St. Josef dabei, einen Konvent aufzubauen, der in Kürze eingeweiht werden soll. Schwester Maris, gebürtig aus Ibbenbüren im Münsterland, war Krankenschwester und trat  im Jahre 1969 in den Orden ein. In verschiedenen Krankenhäusern war sie in der Pflegedienstleitung tätig. Ihr letztes Tätigkeitsfeld war das Elisabethhaus in Emsbüren. Dort betreute sie als verantwortliche Seelsorgerin Sterbende und deren Angehörige.

Schwester Annegret, geboren in Beverbruch im Kreis Cloppenburg, war Altenpflegerin, bevor sie 1982 zu den Mauritz-Schwestern kam. Ehe sie jetzt in den Bremer Westen kam, war sie drei Jahre in Esterwegen in der Gemeindeseelsorge tätig. Die Mauritz-Schwestern hatten sich damals auf den Weg gemacht, um auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers dabei zu helfen, die grauenvolle Geschichte dieses Ortes mit aufzuarbeiten. Im Bremer Westen werden sich  die Schwestern vor allem um Menschen in Not kümmern. Das weite Feld des Altenpastorals gehört dazu ebenso wie die Seelsorge im Frauengefängnis und im Stadtteil.

Pfarrer Robert Wagner, der die Familienmesse zelebrierte, verlas einen Brief des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode, in dem dieser den Schwestern Gottes Segen und alles Gute in Bremen wünschte. Außerdem verkündete er die per E-Mail überbrachten guten Wünsche von Schwester Herbertis, als Vertreterin der Provinzoberin „sozusagen die Chefin” der Schwestern Maris und Annegret.

Gemeindereferent Boris Uroic, der die Familienmesse mit Kindern und Eltern vorbereitet hatte, und Andrea Johanning vom Pfarrgemeinderat, überreichte den Franziskanerinnen mit einem „herzlich Willkommen” einen Wunschbaum. Dieser beinhaltete auch den Wunsch, dass nicht nur die Menschen mit ihren Sorgen zu den Schwestern kommen, sondern auch diese mit den eigenen Sorgen und Nöten zu anderen  gehen können.

Musikalisch mitgestaltet wurde die Familienmesse von einer „Combo ohne Namen”, die aus drei Schülerinnen und einem Schüler besteht. Anna Johanning, (Flöte und Gesang), Franziska Raschdorf (Querflöte), Melanie Raschdorf (Gitarre) und Daniel Krasson (Keyboard und Gesang) vereint ihre gemeinsame Schulzeit in der St.-Joseph-Schule, die alle vier jetzt auf der St.-Johannis-Schule fortsetzen. Die Combo hatte extra für die Begrüßung der Schwestern ein Lied einstudiert.

Den Reigen der Begrüßungsreden begann Arnold Jahnke, Schulleiter der St.-Joseph-Schule, als direkter Nachbar der Schwestern. Er hatte ihnen zwei Bremen-Bücher mitgebracht als Orientierungshilfe in ihrer neuen Heimat. Von Ulrike Kehlbeck-Staats, Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, gab es ebenfalls Bremisches, allerdings in kulinarischer Form. Sie erzählte dazu von den Bremer Stadtmusikanten, und freute sich, dass die Mauritz-Schwestern, im Gegensatz zu diesen wohl bekanntesten Bremern, in der Hansestadt angekommen sind.

Von Pfarrer Robert Wagner hörten die Schwestern einiges über die Anfänge des Ordens in Bremen und die vielfältige Tätigkeit der Mauritzer Franziskanerinnen im Bremer Westen. Von ihm bekamen sie die Chronik „Hundert Jahre St. Marien“, aus der er teilweise zitiert hatte.

Die Sonne meinte es mit an die 30 Grad fast schon zu gut bei dem sich anschließenden Empfang mit kühlen Getränken und heißen Würstchen, wo es viel Gelegenheit für Gespräche gab. Schwester Maris und Schwester Annegret, die auch Willkommensgrüße von der KAB im Bremer Westen bekamen, gingen dabei genauso offen und herzlich auf die Gemeindemitglieder zu, wie sie von diesen empfangen worden waren.

 

Die Große und die Kleine: „Ordensschwestern“ im Bremer Westen

„Sie waren in der Stadt vielen bekannt und und wurden von vielen geschätzt“, heißt es im Buch „100 Jahre St. Marien“. Gemeint waren damit die Franziskanerinnen vom „Orden der Krankenschwestern des Regulierten Dritten Ordens des hl. Franziskus” aus St. Mauritz bei Münster (heute ein Stadtteil von Münster). Aufgrund einer Typhus-Epidemie kamen die ersten Franziskanerinnen aus Münster St. Mauritz – kurz Mauritz-Schwestern genannt – bereits im April 1868 nach Bremen. Am 11. Mai 1869 begannen vier Schwestern aus dem „Mutterhaus der Genossenschaft der Krankenschwestern des heiligen Franciscus zu St. Mauritz bei Münster“ ihre Arbeit in der Marienstraße 3 (heute ungefähr Hillmannplatz). Dieser Tag gilt als Gründungstag des St.-Joseph-Stiftes.

Vor den Franziskanerinnen aus Münster St. Mauritz wirkten bereits Schwestern der „Kongregation von der Göttlichen Vorsehung“ aus Münster, kurz „Vorsehungssschwestern“ genannt, in der Hansestadt. Sie hatten 1856 die Betreuung der Kinder, die im 1854 in der Straße Hoppenbank eröffneten ersten katholischen Waisenhaus in Bremen untergebracht waren, übernommen.

Am 13. November 1898 wurde die St.-Marien-Kirche geweiht und bereits im Dezember kamen auch die ersten „Mauritius“-Schwestern, wie die Schwestern aus Mauritz in St. Marien scherzhaft genannt wurden, in den Bremer Westen. So weit weg von der Realität war die Verballhornung des Ordensnamens allerdings nicht, denn der Ursprungsort des Ordens, St. Mauritz bei Münster, war nach dem heiligen Mauritius benannt. Die Insel Mauritius allerdings wurde benannt nach dem niederländischen Prinzen Mauritz von Nassau.

Ein knappes halbes Jahr später nahmen das St. Johannis Waisenhaus – umgezogen von der damaligen Gartenstraße (heute Kolpingstraße) in die St.-Magnus-Straße – und die St.-Marien-Schule ihren Betrieb auf. Die „Vorsehungsschwestern“, zuständig für die Betreuung im Waisenhaus, zogen mit in den Bremer Westen. Außerdem waren ab dem 1. April 1899 zwei „Vorse-hungsschwestern“ aus Münster als Lehrerinnen in der Marienschule tätig. Bis 1903 erhöhte sich ihre Zahl auf sieben.

Die Bremer Katholiken beantragten beim Senat einen Zuschuß für ihre Schulen. Dessen Zu-stimmung im Jahre 1901 war an kleinliche Bedingungen geknüpft, unter anderem sollten die „Lehrerinnen in der Schule in weltlicher Tracht erscheinen“. Diese Forderung stand im Widerspruch zu den Ordensregeln der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung, und der Direktor der Kongregation erklärte sich außerstande, „die Erlaubnis zum Ablegen der Ordenstracht zu erteilen“. So verließen 13 „Vorsehungsschwestern“ – sieben Schulschwestern und sechs Schwestern des Waisenhauses – im März 1903 den Bremer Westen. Sie gingen zurück in ihr Mutterhaus, die Friedrichsburg in Münster. Für die „Vorsehungsschwestern“ kamen ab dem Jahre 1903 Franziskanerinnen von der Kongregation vom hl. Georg aus dem Mutterhaus in Thuine.

Geblieben waren in St. Marien die Mauritz-Schwestern „Hauptschwester“ Eucheria und ihre „Hilfsschwestern“ Abdonia und Thaddäa vom Dritten Orden, die Kranke und andere Hilfsbedürftige der Gemeinde betreuten. Ab 1903 bekamen sie in der damaligen Schönebecker Straße eine Schwesternstation im Haus Nr. 62b. Im Jahre 1928 zogen sie innerhalb der Straße um ins Haus Nr. 78. Dieses Gebäude – direkt neben der Marienkirche gelegen – hatte der Fliesenlegermeister Johannes Hanft zur Verfügung gestellt. Schon im Jahre „1908 wurde verhandelt, daß die Mauritz-Schwestern auch die Kranken der Jute-Spinnerei betreuen sollen“.

Schwester Eucheria, geb. Maria Maß aus Loikum am Niederrhein, die wegen ihrer aufopfernden Arbeit auch „Apostel der Mariengemeinde“ genannt wurde, starb 1937 im Alter von 74 Jahren an den Folgen eines Unglücksfalles. Ihre letzte Ruhestätte fand sie im „alten“ Schwesterngrab auf dem Riensberger Friedhof. Leider mußte sie noch kurz vor ihrem Tod erleben, daß ihr ein fanatischer junger Nationalsozialist in der Straßenbahn den Ordensschleier vom Kopf riß. Die Schwesternstation in der Schönebecker Straße wurde bei dem Großangriff auf den Bremer Westen in der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944 völlig zerstört.

Nach Eucheria waren es die Mauritz-Schwestern Lantholdis und Agathonis vom „Regulierten Dritten Orden“, die Kranke pflegten, bei Sterbenden Nachtwache hielten, trösteten und aufbauten. „Die Große“ und „die Kleine“, das waren die Kosenamen von Lantholdis und Agathonis wegen ihres sichtbaren Unterschiedes bei der Körpergröße. Größe im Herzen haben sie und alle ihre Mitschwestern bewiesen. Besonders während des Zweiten Weltkrieges und in den ersten Nachkriegsjahren sorgten „die Große“ und „die Kleine“ dafür, daß die Menschen im Bremer Westen nicht verhungerten. Zu Fuß, mit dem Fahrrad und später – als die Zeiten besser wurden – mit dem Moped, schafften sie Lebensmittel und Kleidung vom Josephstift nach St. Marien. Manch einer der um diese Zeit Geborenen verdankt seine heute stattliche Figur indirekt diesen beiden Mauritz-Schwestern, die für ihn (oder sie) den Griesbrei aus amerikanischen Carepaketen in den zerbombten Bremer Westen brachten.

Lantholdis und Agathonis hatten nach Kriegsende Konvent und Krankenstation im „Braunen Haus“, dem ehemaligen Parteihaus der Nationalsozialisten in Gröpelingen am Halmerweg. Das Ortsgruppenhaus der Nazis wurde der Katholischen Gemeinde am 21. Juni 1945 übergeben. Hier am Halmerweg Nr. 7 fand die im selben Jahr gegründete St.-Nikolaus-Gemeinde ihr erstes Domizil. Zu der Zeit wurde aus dem „Braunen Haus“ ein „Schwarzes Haus“, wie damals Schwester Felicia (Franziskanerin aus Thüne) scherzhaft bemerkte, die sich zusammen mit zwei Mitschwestern in der Ruine des Waisenhauses an der St.-Magnus-Straße eingerichtet hatte. Am 17. März 1947 starben Schwester Felicia und ihre junge Mitschwester Willibaldis dort durch Trümmerteile eines umstürzenden Schornsteins.

1961 konnten die Mauritz-Schwestern zusammen mit vier Thuiner Mitschwestern in das neue Kindergartengebäude von St. Nikolaus umziehen, in dem sich auch Wohnungen für die Schwestern befanden. 1975 bekamen die in der Krankenpflege tätigen Lantholdis und Agathonis Verstärkung: „Schwester Anastasia hatte einen Führerschein und war somit auch mit dem Auto beweglicher als ihre Mitschwestern mit Moped oder Straßenbahn“, schreibt Schwester Theresita – die drei Jahre später Nachfolgerin von Schwester Anastasia wurde – in der Chronik „100 Jahre St. Marien“.

Lantholdis und Agathonis gingen 1983 nach über 40 Jahren segensreicher Tätigkeit im Bremer Westen in den Ruhestand und wohnten ab der Zeit im Schwesternkonvent am St.-Joseph-Stift. Die Nachfolgerin der beiden Mauritzschwestern, Schwester Theresita, erhielt später eine Abordnung zum Caritasverband, der seit 1995 für die damals sieben Gemeindekrankenschwestern zuständig ist. Ab dem 1. Januar 1997 übernahm Schwester Theresita Rüße nach 18 Jahren Tätigkeit als Gemeindeschwester in der Krankenpflege neue Aufgaben. Die Mauritz-Schwester blieb dabei aber dem Bremer Westen und damit dem Pastoralen Raum St. Marien bis 2010 erhalten als Krankenhausseelsorgerin im Gröpelinger Diako (Diakonissenkrankenhaus).

Nun, im Juni 2011, wurde ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen dem Bremer Westen und „Mauritius“ aufgeschlagen: Mit Schwester Maris und Schwester Annegret sind wieder zwei Franziskanerinnen vom „Orden der Krankenschwestern des Regulierten Dritten Ordens des hl. Franziskus“ im Bremer Westen tätig. Sie bauen einen Konvent bei der St.-Josef-Kirche auf und werden sich vor allem um Menschen in Not kümmern. Das weite Feld des Altenpastorals gehört dazu ebenso wie die Seelsorge im Frauengefängnis und im Stadtteil.