St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Ökumenischer Spaziergang bei strahlendem SonnenscheinMatthäus 18 Vers 20: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“. – Das ist eine Bibelstelle, die sich nicht nur Skatspieler gut merken können, sondern davon konnten sich auch die an die hundert Teilnehmer des ökumenischen Spazierganges am Sonntag, 19. April, leiten lassen: In guter Gesellschaft auf einem guten Weg, zumal es auch der Himmel gut meinte mit den „Spaziergängern“ aus allen Kirchenstandorten St. Mariens und der Wilhadigemeinde, die den gesamten Weg bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen absolvierten. Unterwegs waren an diesem ersten Sonntag nach Ostern, „Quasimodogeniti“ oder auch „Weißer Sonntag“ genannt, nicht nur Gemeindemitglieder aus vier Generationen, sondern auch Pastors „Wau“ Carla war wieder mit dabei und genoss sichtlich den Rundgang durch Walle.

Die Idee zu diesem Spaziergang kam Gemeindemitgliedern vor gut einem Jahr anläßlich der „Nacht der Kirchen“, die hier in Walle von Wilhadi und St. Marien gemeinsam begangen wurde. Auch zwei Anläße passten gut mit ins Bild: einmal das „Jubiläum“ 50 Jahre Ökumene im Bremer Westen und zum zweiten der bevorstehende „Deutsche evangelische Kirchentag“, der im Mai in Bremen stattfindet. Vorbereitet und durchgeführt haben den Spaziergang – wie sich das bei einer ökumenischen Veranstaltung gehört – je zwei Gemeindemitglieder von Wilhadi und St. Marien: Waltraud Scholz, Wolfgang Frese, Dieter Lüer und Hermann Sandkühler, und zwar in Absprache mit den Pastoren der Gemeinden Hartmut Strudthoff und Robert Wagner.

Erste Station war die Wilhadikirche, wo Pastor Hartmut Strudthoff die 83 Teilnehmer begrüßte und mit Orgelmusik, Lied und Gebet auf den bevorstehenden Spaziergang einstimmte und den Segen für die Teilnehmenden erbat. Nach einem Gruppenfoto begann die Wanderung zu den gemeinsamen geschichtsträchtigen Orten der Gemeinden, und als erstes erfuhren die Interessierten, wie es früher an der Stelle ausgesehen hat, wo heute die Wilhadikirche steht. Dort befand sich bis 1944 unter anderem der Kindergarten der Mariengemeinde. Fotos im Format DIN A3, ökumenisch vorbereitet, ergänzten dabei die Erklärungen. Eine Überraschung gab es dann an der zweiten Station, dem Schulhof der Marienschule. Dort gab der Kirchenchor St. Marien unter Leitung von Patrick George den Spaziergängern zwei Lieder mit auf den Weg, die diese für unterwegs einstimmen sollten. Danach gab es Informationen über die alte Marienschule, die bis 1944 da ihren Platz hatte, wo sich heute Waller Grün und Kita St. Mariens befinden.

Nächste Station waren die vor ca. 2 Jahren verlegten sogenannten „Stolpersteine” mit den Namen von ehemaligen jüdischen Mitbürgern. Sie sollen an deren früheren Wohnorten daran erinnern, daß diese Menschen von den nationalsozialistischen Machthabern während der Zeit des Dritten Reiches ermordet wurden. An der Ecke Hauffstraße/Melanchthonstraße vor dem Eingang der Marienschule befinden sich 19 dieser Steine mit den Namen derjenigen Menschen, die 1941 das sogenannte „Judenhaus” in der früheren Wilhelmshavener Straße Nr. 3 bewohnten. Am 18. November 1941 wurden sie aus ihrem Haus abgeholt und nach Minsk deportiert. Keiner von ihnen überlebte die Deportation, alle wurden in Minsk ermordet. 19 von 6 Millionen Opfern des Holocaustes. Eineinhalb Millionen von ihnen waren Kinder! An der Stelle, wo sich damals das Haus Nr. 3 in der Wilhelmshavener Straße ungefähr an der Ecke Schönebecker Straße befand, steht heute das Klettergerüst auf dem Schulhof der Marienschule. Die beiden Straßen wurden nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut.

Am Beginn der Hauffstraße, wo jetzt Gebäude der Marienschule stehen, befanden sich früher Gemeindehaus und Kindergarten der Wilhadigemeinde. Im weiteren Verlauf der Hauffstraße konnte auch der Standort des früheren Pastorenhauses von Wilhadi betrachtet werden. Die Grenzstraße ist gleich in zweifacher Hinsicht Grenze: Als die Spaziergänger sie überquerten, verließen sie auch schon das Gemeindegebiet Wilhadis, das erst im Waller Wied wieder betreten wurde und weiterhin wechselten sie auch vom Ortsteil Utbremen in den Ortsteil Walle. Der weitere Weg führte durch das Waller Grün zur Elisabethstraße. Hier ist auch heute noch der Verlauf des verheerenden Luftangriffs vom 18. auf den 19. August 1944 zu sehen, augenfällig durch von den Bomben verschont gebliebene Häuser mit schönen individuell gestalteten Fassaden und die vielen „gesichtslosen“ Neubauten der Nachkriegszeit.

Im Waller Wied, dem sogenannten „Heimatstraßenviertel“ erklärte Wolfgang Frese, der dort ansässig ist, den Werdegang „seines“ Viertels von 1888 bis heute. Danach ging es zum nahen BLG-Forum, wo Pastor Hartmut Strudthoff über den kommenden Kirchentag informierte. Vergangen, vergessen vorüber: Als die „Ökumenischen Spaziergänger“ dann weiterwanderten, hatten sie Mühe, die Stelle zu lokalisieren, wo sich bis vor ungefähr zehn Jahren der Überseehafen befand. So schnelllebig ist die Zeit.

Für den erst seit einem halben Jahr in St. Marien tätigen Pastor Daniel Brinker, der zusammen mit seinen Amtsbrüdern Robert Wagner und Hartmut Strudthoff mit unterwegs war, war es die zweite Exkursion durchs Gemeindegebiet. Zusammen mit den anderen Teilnehmern erfuhr er im weiteren Verlauf viel über die ehemalige Jute-Spinnerei und Weberei Bremen, die von 1888 bis 1959 ihr Domizil zwischen der Heimatstraße und der nach dem Krieg entwidmeten Fabrikstraße hatte, der Verlängerung der Grenzstraße. Ohne die „Jute“, so erzählte Hermann Sandkühler, hätte es St. Marien in dieser Form und an dieser Stelle nicht gegeben. Die Mitarbeiter, zum größten Teil Frauen, kamen aus katholischen Abwanderungsgebieten. Das belegt auch die Statistik: Als die Jutefabrik 1913 mit 2150 Beschäftigten ihren höchsten Personalstand hatte, stieg in der Marienkirche die Anzahl der Taufen auf 625. Als die Fabrik ab 1914 kriegsbedingt mit weniger Mitarbeitern produzierte, wurden auch in St. Marien nicht mehr so viele Kinder getauft, ebenso verhielt es sich in der Marienschule, wo die Anzahl der Schüler zurückging.

Wie ein roter Faden zog sich von Station zu Station das Datum 18./19. August 1944, denn fast alle Objekte der gemeinsamen Geschichte Wilhadis und St. Mariens wurden in dieser Nacht durch Bomben und den anschließenden verheerenden Feuersturm vernichtet. So auch das „Rheinische Viertel“ zwischen Nord-, Fabrik- und Hansestraße, das nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut wurde und dem Hafengebiet „zugeschlagen“ wurde. Programmpunkt danach war das frühere Diakonissenkrankenhaus, dessen einstiger Standort heute nur noch durch den gleichnamigen Bunker zu finden ist. Am Standort der ehemaligen Wilhadikirche, an der Nordstraße gelegen, informierte Waltraud Scholz ausführlich über die Geschichte Wilhadis. Der 1872 errichtete Sakralbau ging 1944 ebenfalls im Feuersturm unter.

Manch einem der „Ökumenischen Spaziergänger“ mag an dieser Station schon der Kaffeeduft vom nahen Pfarrsaal an der Marienkirche in die Nase gestiegen sein, denn der Schritt wurde augenscheinlich schneller zum letzten Programmpunkt hin. Nach einer kurzen Beschreibung der alten Marienkirche von 1898 erwartete Pastor Robert Wagner die Teilnehmer in der Marienkirche und gab dort noch Erklärungen zur Zukunft beider Gemeinden in Verbindung mit der Überseestadt ab. Dabei wies er auf die Pläne des Architekten Ulrich Recker hin, die dieser nach der Renovierung der Kirche im Jahre 2003 unter den Stichworten Sakrales bzw. ökumenisches Quartier erstellt hatte, und die sich auf die Fläche zwischen den Kirchen beiderseits der St.-Magnus-Straße beziehen. Ein bemerkenswertes Vorhaben, das bisher am fehlenden Geld  gescheitert ist, aber in Verbindung mit der Entwicklung der Überseestadt möglicherweise in (nicht allzuferner) Zukunft verwirklicht werden könnte.

So wie die Veranstaltung begonnen hatte, endete sie auch, und zwar mit einer Andacht, diesmal in der Marienkirche. Die Teilnehmer hörten eine Lesung aus dem Römerbrief, beteten eine Litanei und sangen „Komm Herr, segne uns“. Dabei kam bei den Teilnehmern schon das Gefühl auf, dass dieser Weg allein schon durch das herrliche Wetter und gute Begegnungen Segen erfahren hatte. Zum guten Ende lud Pastor Robert Wagner die Spaziergänger in den Pfarrsaal ein, wo Marlies und Dieter Lüer für alle eine Kaffeetafel vorbereitet hatten. Bei Kaffee und Kuchen und mit guten Gesprächen klang dann dieser ereignisreiche Tag aus.

Weitere Informationen zu diesem Thema gibt es auf dieser Homepage unter St. Marien – Geschichte „Ökumenische Nachbarschaft im Bremer Westen“ .


Fotos: Andreas Chmielarz