St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Pilgern auf dem Jakobsweg zum Katholikentag nach Osnabrück„Du führst uns hinaus ins Weite.” Vom 12. bis 21. Mai 2008. Unter diesem Schirm und mit Gottes Segen gehen vier Frauen mit dem St.-Marien-Pilgerstab am Pfingstmontag nach dem ökumenischen Gottesdienst und sozusagen direkt von der St.-Marien-Kirche aus hinaus auf den Jakobsweg, der sich hier Via Baltica nennt. Ein norddeutscher Pilgerweg von Usedom kommend über Lübeck, Hamburg, Bremen und Osnabrück weiter auf ihr Fernziel Santiago de Compostella zusteuernd hinaus in die Weite aus welchen Gründen auch immer – anzuknüpfen an ein jahrtausendealtes Wissen des Glaubens von Liebe und Frieden, in der Hoffnung, ihren Horizont zu erweitern.

Vier völlig unterschiedliche Frauen mit völlig unterschiedlichen Motivationen, weg vom Alltag auf unbekannten doch wunderschönen norddeutschen Wegen und verschlungenen  Pfaden. Du führst uns – Pilgern hat Menschen zu allen Zeiten fasziniert, so zum Beispiel auch im 3. Jahrhundert Kaiserin Helena, die in das Heilige Land zog, um dort durch ihre eigenen Füße spüren zu können, wie und wo Jesus lebte. „Pilgern ist keine Individualreise, weil es verändert”, dies schrieb schon Franziskus auf seinem Weg nach Santiago, denn niemand kommt unverändert zurück.

Der Katholikentag bot als Fest des Glaubens ebensolche Weite. Ob im kollektiven Glaubens-Bad ökumenischer Christen auf  Veranstaltungen der sogenannten „Kirchenmeilen”. Oder dem angebotenen Räumen der Stille zum „Eintauchen” in Gebet und Meditation.

Der Auftakt dieses Glaubensfestes war für mich persönlich nicht der Eröffnungsgottesdienst, sondern der stille Glaubenszug vom Schlosspark nach St. Johann,  in Gemeinschaft 72 ganz unterschiedlich gestalteter Pilgerstäbe. „Wir sind da”, schienen sie mir zuzujubeln, als Fortsetzung der zweiten Zeile obigen Psalms,  und – „Du machst meine Finsternis hell.”

Überfüllte Veranstaltungsräume an diesem ökumenischen Katholikentag erstaunten nicht nur mich als Besucherin. Es hieß flexibel zu sein, wenn die gewünschte Veranstaltung oder auch der Besuch einer Kirche, ob mit oder ohne Gottesdienst, nicht möglich war. Es gab andere Angebote, außerdem erhöhte es die Chance, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Miteinander teilen, sich mitteilen, Freude, Glaube, Gemeinsamkeiten entdecken. Es machte mir auch einfach nur Spaß, erfreute Jugendliche mit auf T-Shirts ungeniert zur Schau getragenen offenen Bekenntnissen zu beobachten. Ich bin katholisch – man gönnt sich ja sonst nichts; oder: ich bin katholisch – nicht nur sonntags, fehlte mir eigentlich nur noch: Ich bin katholisch – in einer lebendigen Ökumene, hier in Osnabrück, der Stadt des Katholikentags.

„Geschwister im Glauben“

Insofern rannte die evangelische Landesbischöfin mit dem Text ihrer Predigt, über die „Geschwister des Glaubens” während des ökumenischen Gottesdienstes nicht nur bei mir, sondern bei allen Altersgruppen offene Türen ein, so dass das gemeinsame Pilgern der „ökumenischen Geistlichkeit” mit Tausenden jubelnden „Geschwistern im Glauben” vom Dom zum Markt die „ökumenischen Frühlingsgefühle” so richtig in Wallung brachte, um ihren Höhepunkt im gemeinsamen Singen des 300 Jahre alten Friedensliedes vor der Marienkirche zu finden. Landesbischöfin Käßmann  wurde wie ein Star gefeiert, während die Worte von Bischof Bode über die neue Katholikentagskultur völlig untergingen. Ja, es war eben ein Fest mit Freude am Leben und am Glauben.

Da wir wussten, dass wir auf dem Weg nach Osnabrück nur wenige Jakobuskirchen antreffen, sind wir natürlich in jede Kirche gepilgert, die sich am Wegesrand anbot. Auch wenn wir dadurch in Zeitdruck kamen. So überschritten wir gleich am ersten Tag erheblich unsere Mittagspause in der Jakobikirche in der Kornstraße in Bremen. Der dortige Pastor bot uns neben Essen und Trinken auch noch seinen ökumenischen Pilgersegen an. Doppelt hält besser, dachte ich, denn schließlich wollen wir nicht nur hinaus in die Weite, sondern auch erleben wie weit der Horizont der norddeutschen Diaspora eigentlich so reicht. So wurde es doch spät, als wir schließlich in Kirchweyhe ankamen und dort von Pastor Jakob begrüßt wurden. Ja, es war schon ein besonderes Erlebnis, mit ihm gemeinsam am Tisch zu sitzen und „das Brot zu teilen, sicher ganz im Sinne der kirchlichen Namensgebung „Heilige Familie”.

Die nächste Jakobuskirche trafen wir im Dauerniesellregen in Lutten an. Sehr nass und sehr hungrig strömten wir in das einzige noch offene Speiselokal. Wollen wir wirklich erst Essen? „Sicher”, tönte es im Chor, „keiner kann mit leerem Magen Jakobus für diesen Regen danken und gleichzeitig um besseres Wetter bitten.”

Dass diese interessante Kirche nicht extra für uns so herausgeputzt wurde, dachten wir uns schon, als wir nach unserer eigenen spontanen Andacht kurze Zeit später auf die gegenüberliegende Bäckerei stürzten um unseren Regenfrust in Kuchen zu begraben. Doch welch ein Wunder, die dortige Besitzerin war so erfreut über den regennassen Pilgerbesuch, dass sie aus der Nachbarschaft Stühle herbeischaffen ließ, um uns angemessen und mit einem netten Plausch bewirten zu können.

Wachsende Gemeinsamkeiten

Gemeinsamkeiten entstehen nicht sofort, sie können wachsen, wenn man sie lässt. So auch mit Gerd aus Elmshorn, der ganz schnell die „Schlüsselrolle” bekam. Er war meist vor uns am Etappenziel und konnte von den besorgten Gastgebern den „Schlüssel” in Empfang nehmen wenn wir – mal wieder – in Zeitnot kamen. Meist klärte ich im Vorfeld schon per Handy, dass wir einen Pilger mehr haben. Er ist uns zugelaufen, Man kann ihn doch nicht wegschicken.

Die Gastgeber lachten und wir wurden an jedem Ort herzlich aufgenommen. Ob in Vörden, wo Pastor Rabe uns in „seine” 900 Jahre alte Christopheruskirche, ganz im ökumenischen Kontext herumführte und eine Andacht mit den Geschwistern im Glauben hielt, während seine Frau uns fürsorglich das Abendessen brachte,  oder die gastfreundliche Kolpingfamilie in Lohne, in deren Haus wir uns „wie zu Hause” fühlen sollten und auch fühlten. Es war nicht das reichliche, leckere Essen von Georgs Grill nach einem anstrengenden kalten und nassen Tag, an dem ich mich zigmal unterwegs fragte, ob ich wirklich weiter so im Dauernieselregen, als pilgernde Fremde von Ort zu Ort, gehen wollte.

Doch genau hier in Lohne erlebe ich mitten in meiner „Sinn-Krise” das Geschenk  einer selbstverständlichen und herzlichen Gastfreundschaft, hier bin ich – die Fremde bei Fremden – willkommen so wie ich bin. Es überstieg wirklich meinen Horizont, weil diese Selbstverständlichkeit des Aufgenommenwerdens mit unserem Pilgerstab in der dortigen St.-Gertrud-Gemeinde sich fortsetzte. Du machst meine Finsternis hell, dachte ich immer wieder als ich, mühsam nach Fassung ringend, mich dann irgendwann neben dem Pastor hinter dem Altar wiederfand.

Das Glück der „Leute des Weges”,  so wurden die Pilger im Alten Testament genannt, ging später für uns noch weiter, denn unsere Gastgeber, sprich Georg, kümmerte sich, da wir nun ohne Wilhelms Fürsorge weiter mussten,  um den Weitertransport unseres Schlafgepäcks, während wir freudig zu der bekannten Wallfahrtskirche St.-Anna-Klus mit ihrer Heilquelle zupilgern, um dort mit gemeinsamer Andacht unsere Tagespilgerschaft zu beginnen.

Ja, unsere Pilger-Reise steht unter einem besonders guten Stern, dies meinte auch später nicht nur die freundliche Sekretärin vom Benediktiner-Kloster Damme. Dort, wo wir fast zu spät zu der schon angemeldeten Vesper gekommen wären, wenn uns nicht wiederum  unsere Lohner Gastgeber aus der verwirrenden Vielfalt der Wege und Pfade in den Dammer Bergen im wahrsten Sinne des Wortes herausgefischt hätten. Wie war das noch mit dem „Fischer” in der Bibel?

Auch Harpstedt, eingebettet zwischen prähistorischen Hügelgräbern und Findlingen, ist solch ein Ort, wo Körper, Geist und Seele sich wieder für den nächsten Tag  stärken können. Und das ehemalige Pfarrhaus Christ-König-Kirche mit der dort wohnenden Küsterin ganz besonders. Hier erwartete uns schon am Anfang ein richtiges Bett, und das nach einem nicht enden wollenden schwülen Tag, immer schwerer werdenden Beinen, die es kaum noch durch diesen endlosen Ort schafften. Endlich ankommen bei freundlichen Menschen: Ja, wir hatten uns einfach zu lange in Barriens Christopherus-Kirche aufgehalten, wollten uns noch singend  für die Führung bei den dortigen freundlichen Sekretärinnen bedanken und den – man glaubt es kaum – tausend Jahre alten Taufstein bestaunen.

Bildlich zeigt sich unsere Geschwisterlichkeit wieder in den Dammer Bergen. Ausgerechnet an dem für Rollstuhlfahrer unüberwindlich wirkenden „Kreuzberg” trafen wir Dieter, der hier  nach seinen „Engeln”, so nannte er uns später,  Ausschau haltend etwas ratlos und alleine im Walde stand. Ja, gemeinsam schafften wir es, denn streckenweise musste der Rolli über die schmalen Pfade und Wurzeln gehoben werden.

Ja, Landschaft, Wetter und Wind begleiteten uns 2/3 des Weges wie im Campemoor, wo das Wollblumengras als Nachfolgerin ehemaliger unwirtlicher Sumpfgebiete mir unbedingt seine Geschichte erzählen wollte. Ganz still und sacht, wie von einem unsichtbaren Dirigenten komponiert, bewegte es sich im Wind, und nickte mir ganz leicht zu, als ich mich über den Text der dortigen Info-Tafel beugte und las, dass ich mich hier auf prähistorischem Boden befinde.

Wie entrückt blicke ich in die endlose Weite, ist das nicht ein Torfschiff, das sich mühsam durch den Wind kämpft um an Land zu gelangen? Sprachlos wird mein Auge von diesem Bild gefangengehalten. Fata Morgana? Hier in Norddeutschland? Ja, ja – unwillig höre ich meinen Namen rufen. „Ich komme ja schon, ich weiß, es ist schon spät und wir müssen noch ins Wiehengebirge und über die Kalkrieser Berge pilgern.” Jedoch, der Anblick dieser prähistorischen Seenlandschaft mit ihrem Wollblumengras im Feuchtgebiet läßt mich einfach nicht los.

Auch wenn in einer Gruppe das schweigende nebeneinander Hergehen eine Herausforderung an jeden Einzelnen stellt, so gibt es doch auch immer wieder Wegstrecken wo jede und jeder die Chance hat, wenn er oder sie möchte, schweigend und alleine ein Stück des Weges zu gehen, Schritt für Schritt, betend nach innen sehen oder auf das gleichmäßige Toctoc der Wanderstöcke hören, sich über die vielfältigen Vogelstimmen freuen oder einfach nur den Wald auf sich wirken lassen. Ist das nicht alles einfach – viel zu einfach? Spätestens hier melden sich doch die eigenen störenden Gedanken im Gehirncomputer an. Schweigen, hier im rauschenden Wald? Wo ich vergeblich nach einem P wie Pickerweg suche, die Wegbiegung womöglich verpasse, nur weil mir gerade der Wind etwas zuflüstern will? Oder ich dem fragenden Waldgeist antworte? Wo kommen wir denn da hin?!

Lauschen auf die „innere Stimme”

Ja, stimmt, wir laufen im Kreis, müssen ein Stück zurück, wiederholen das ganze, die verschlungenen Wege wollen uns nicht loslassen. Das geht aber nicht, wir müssen pünktlich sein,  sind zum Abendessen eingeladen! Wir brauchen eben mehr Zeit, nicht nur um mit anderen ins Gespräch zu kommen, sondern auch um nach innen zu lauschen, auf das innere kleine Stimmchen, das vielleicht auch was zu sagen hat. In die eigene Tiefe hineinhören, verstehen vielleicht?

Hinweise, dass wir uns auf dem Pilgerweg (Muschel oder Pfeile) befinden, gibt es wenige. Ab Vechta sogar mit abnehmender Tendenz. Man braucht gute Wanderkarten und hin und wieder Menschen, die man nach dem Geestweg bis Wildeshausen oder Pickerweg fragen kann.

Da wir kaum noch andere Benutzer dieser schönen Gegend um Vechta  antrafen war Stellas Kartenlesekunst doch sehr gefragt. Mit Glück gab es Dialoge mit den Bewohnern von vereinzelt liegenden Bauernhöfen, so wie in den Dammer Bergen. „Ja, wenn Sie nicht auf der Straße weitergehen wollen?” – „Nein, nein, wollen wir nicht, Füße und Knie können wir besser auf Waldboden entlasten.” – „Ja, dann müssen Sie wieder zurückgehen. Meine Nachbarin wohnt nicht weit von hier.” Erstaunt schauen wir um uns, während ihr Finger in Richtung Wald über den Berg zeigte. „Ja, Luftlinie nur ein Kilometer. Die ist bestimmt zu Hause. Falls Sie sich verlaufen, können Sie dort ja fragen.” Zum Glück fanden wir den schmalen Pfad zwischen umgefallenen Bäumen, und verbrachten nicht noch mehr Zeit mit Suchen.

Hilfe vom freundlichen Kartoffelbauern

Überhaupt kann man mit Suchen viel Zeit verbringen. So konnten wir  z. B. nur mit Hilfe eines freundlichen Kartoffelbauers aus Engter  pünktlich um halb acht abends in unserer Herberge  ankommen, die in der Nähe der alten St.-Alexander-Kirche in Wallenhorst lag. Nach über 20 Kilometer bergauf und bergab punktgenau und nicht früher oder später, wurde mir im Vorfeld erklärt. Da uns dann nach der dortigen letzten Veranstaltung Einlass gegeben werden konnte. Die Schönstatt-Muttergottes vor diesem jahrhundertealten Gebäude konnte meine Neugier bezüglich der „zufälligen” Wunderheilung eines Blinden durch den Märtyrer Alexander leider nicht bestätigen.

Welch ein Glück, dass sich gastgebende Gemeinden so unterschiedlich darstellen, dachte ich, während Gewitter und Platzregen versuchten, uns auf dem Weg nach Visbeck einzuschüchtern. Kann ja sein dass es stimmt, dass hier von dem Ort St. Vitus um 800 n. Chr. die Christianisierung der Sachsen eingeleitet wurde. Auch wenn Archäologen und Geomanten gerade unter der bedrohlich wirkenden Wolkenwand mögliche Zusammenhänge zu der damaligen gewaltsamen Missionierung sehen würden, so finde ich, haben wir diese „Schwere”, die uns hier begrüßt nach der gestrigen Freude über die Leichtigkeit des Seins nicht verdient! Nun denn, es ist uns wirklich eine Ehre, an diesem geschichtsträchtigen Ort nicht nur ein Dach über dem Kopf zu haben, eine Dusche, sondern auch eine riesige Küche mit Platz für 50 Personen vorzufinden. So wird auch für fünf Pilger/innen nachvollziehbar dass an solch einem heiligen Ort nicht nur der Glaube zu schützen ist, sondern die Räumlichkeiten. Gott sei Dank hatten wir bis hierhin Wilhelm Wessels. Sein Name und sein Bekanntheitsgrad bürgt für Qualität und Sicherheit, wenn es um „Schlüsselprobleme” geht. Wilhelm löst sie, die Tür wird auch für Gerd geöffnet, der vor uns ankam und mit einem der Hauptamtlichen ins Gespräch kam. Auch wenn wir durch Wildeshausen ein wenig verwöhnt waren, haben wir zu akzeptieren, dass es nicht zu verstärkter Kommunikation mit Hauptamtlichen kommen kann, außerdem ergießt sich gerade ein Platzregen auf das Obdach unsrer Seele. Kommen wir endlich an, werden still und Suchen uns einen geruhsamen Schlafplatz mit unseren Luftmatratzen. Sehen wir es als Lehrstunde, dass nicht alle Gemeinden sich über Pilger freuen können und vergessen den alten Text für Handlungsanweisung für Pilger: „Bist Du nicht willkommen, so schüttle Deinen Staub vor der Tür ab und suche Dir ein anderes Haus.” Stattdessen überreichen wir am anderen Morgen noch unseren Mietzins und holen unseren Pilgerstempel ab. Und das, bevor wir uns etwas desorientiert, weil verwirrt und irritiert, auf verschiedenen Straßen wiederfinden. Seltsam wie sich diese unsichtbare Kommunikationsstörung auf uns überträgt. Auch mit Manfreds Anwesenheit, nichts wie weg aus dieser Stadt,  in der „Leute des Weges”, wie man Pilger im Alten Testament nannte, nicht willkommen sind. Weg aus diesen einengenden Mauern, um der „Welt wieder ein Stück” näher zu kommen. Auch wenn uns anfänglich das gemeinsame Singen und Beten schwer fällt, eilen wir doch über regennasse Straßen an hinter der Stadtgrenze liegenden verstreuten Bauerngehöften  vorbei und versuchen unsere Sprachlosigkeit mit dem Gekreuzigten an verwitterten Weg-Kreuzen zu teilen. Mir scheint: Nirgendwo auf unserem Weg begegnete uns der Schmerzensmann wie ein Mahnmal so wie hier in dieser Gegend. Wir halten immer wieder betend und fragend inne im nassen und kalten Regen. Bis eine nette, kommunikationsfreudige  Bewohnerin dieser ehemaligen Gehöfte fragend auf uns zugelaufen kommt, um uns – erfreut über mein Interesse – diese ausgedehnte Landschaft zwischen Visbeck und Vechta zu beschreiben.

Kurz vor Vechta halten wir in einer ganz besonderen St.-Marien-Kirche inne. Sie steht zwar mitten auf dem Friedhof, doch das scheint diese Leichtigkeit und Liebe, die wir beim Singen der Marienlieder verspüren, nicht zu trüben. Gestärkt über diesen Segen verwerfen wir unseren Fluchtplan. Wegen des Regens „fährt es sich im Stadtbus nach Vechta nicht doch trockener?”, und pilgern voll Freude durch den Wald, der das Gut Welpe umgibt, Richtung Innenstadt, da unsere nächste Herberge in der Nähe des Bahnhofs liegt. Es ist schon beeindruckend, wenn man vor der St.-Georg-Kirche in Vechta steht  und genau gegenüber ca. 500 Meter weiter, wie hinter einer Grenze, das „Zeughaus”, ehemals Strafanstalt und jetzt Museum, liegen sieht. Ganz malerisch, neben einer weniger malerischen alten, von Stacheldraht umgebenen, Justizstrafanstalt neueren Datums und einem  Friedhof. Nun denn, verändern wir den Blickwinkel und lassen uns für die Werbung „dieser neuen Pilgerherberge” von einem Reporter der Oldenburger Zeitung fotografieren.

Nein, nein, hier oben in der zweiten Etage, wo jeder noch so leise Schritt von den Wänden hallt, bleiben wir nicht, tönt es im Chor. Ich suche mir nach dem „Duschen” lieber einen Schlafplatz zwischen Ritterrüstung, Hackebeilchen und Folterwerkzeugen in der Etage mit dem Weg-Kreuz. Dieses gut erhaltene Standkreuz, welches da ganz gelassen am Treppenabsatz stehend auf diese zusammengewürfelten Kunstgegenstände blickt. Ja, unter diesem Blick des Gekreuzigten will ich wohl schlafen – denke ich jedenfalls.

Tja, was soll ich sagen: Mit zusätzlichem Flutlicht und ausgelassenem türkischen Partylärm vor dieser Herberge hat wohl niemand gerechnet, stöhnte auch am nächsten Morgen Gerd, der in einer der Gefängniszellen nächtigte. Ihn hinderte noch zusätzlich die mittelalterliche Matratze, auf die er sich bettete, an der nötigen Entspannung. Warum? Wegen des Geruchs, deshalb zog er es vor, es sich doch lieber auf seiner Isomatte bequem zu machen.

Gottesdienst nach schlafloser Nacht

Um nach dieser schlaflosen Nacht  nicht ohne Gottes Segen weiterziehen zu wollen, besuchten wir noch die angekündigte Messe auf der anderen Seite des Bahnüberganges in St. Georg. Da wir dadurch wieder mit unserer Zeitrechnung völlig daneben lagen, kam es zu Missverständnissen mit unserem nächsten Gastgeber, die jedoch zu unserer großen Überraschung und Freude gemeinsam geklärt werden konnten. Und entlastet pilgerten wir wieder in Richtung Wald, um dort im Café Gut Welpe den nächsten Regenschauer abzuwarten.

Schnell gewöhnen wir uns an den Nomaden-Alltag: 6.00 Uhr aufstehen, Luftmatratzen zusammenrollen; 7.30 Uhr frühstücken; 8.30 Uhr kommt Wilhelm, unser treuer Gepäcktransporteur, Seelenmasseur und Mitorganisator bis Vechta. Es folgen gemeinsame Routenbesprechung, Zeitplan, Tagesetappenendziele, Integration von Tagespilgern etc.; 9.00 Uhr Messe oder gemeinsame spontane Andacht.

Überhaupt können Tagespilger eine wahre Bereicherung sein. Wie z. B. unser bibelfester Manfred, der uns allezeit, auch aus der Ferne, per SMS mit tröstenden und stärkenden Psalmversen versorgte. Oder die Pilgerin aus Lübeck, die wir auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela vor Damme trafen. Ging es uns da nicht auch wie den Emmaus-Jüngern im Lukas-Evangelium auf ihrem Weg? Sie haben sich auf dem Weg einander geöffnet, über die Schattenseiten ihrer Zeit gesprochen, was auch in unserer heutigen Zeit eher selten ist: Miteinander reden, fragen, nicht nur nach dem Weg. Um etwas bitten, so wie hier um eine Tasse Kaffee vor der Eingangstür zum St.-Anna-Stift, wo wir mit den Ordensschwestern erst bei der zweiten Tasse ins Gespräch kamen. Wir hatten sie an den „Tippelbruder” vom Vormittag erinnert, war wohl keine angenehme Erscheinung.

Ja, innehalten und Mut zum Bitten, zum Fragen nach dem Woher und Wohin. Zeit für Kommunikation und Zeit „um mit dem Herzen zu sehen”, so wie Franziskus so schön formulierte, gehört wohl dazu, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.

Neue Pilgerrouten durch den Wald

Erstaunlich, wie Elisabeth es schafft, ihren Pilgerschritt an ihre Erzählgeschwindigkeit anzupassen. Da kommen ja noch nicht mal Inge und Georg mit, ,,wenn beide mit ihrem verbalen Schlagabtausch über Werderfans die Anwesenden erheitern, dachte ich – und ich hatte mich die ganze Zeit von ihren Sorgen, sie könne den Weg nicht schaffen, anstecken lassen. Doch sie läuft und läuft. Bewundernd schaue ich hinter ihr her, während sie im gleichmäßigen Takt  ihre Wanderstöcke mitschwingt. Das sind immerhin drei völlig verschiedene Bewegungsabläufe.

Die Geest um Barrien und Harpstedt mit ihrem „hohen Berg” von 60 Metern entzückte uns so sehr, dass wir uns voller Abenteuerlust Stellas neuen Pilger-Routen durch den Wald anvertrauten, um im Schatten an diesem späten Vormittag gehen zu können. Wir haben ja nur 15 Kilometer vor uns, konnten die gemeinsame Messe genießen und ließen uns noch auf einen Plausch mit unseren Gastgebern ein, alle Zeit der Welt. So dachten wir jedenfalls anfangs.

Und was macht eigentlich dieser Gemeindereferent immer noch hier, denke ich, während er interessiert auf unsere Berge von Schlafgepäck sieht, sich interessiert über unsere „Nebenrouten” beugt. Und ich renne schweißüberströmt durch dieses aufgeheizte Wildeshausen, um ihn  –  wir haben ja noch sooo viel Zeit –, immerhin punktgenau, nicht zu verpassen.

Nur im Gespräch lernt man . . .

Und nun steht er erfreut in der Gegend herum, gibt noch Tipps, wo wir gut und günstig essen gehen können,  trotz des zur Zeit stattfindenden Pfingstmarktes, und dass wir unbedingt noch die Alexanderkirche besichtigen sollten. Dies alles obwohl auch er im Vorfeld kein leichter Verhandlungspartner war, als es um das „Problem Schlüsselübergabe” ging.

Es ist wie es ist, denn nur so im Gespräch lernt man sich kennen und sieht den Gesprächspartner mit anderen Augen.

Nachdenklich gehen wir durch diese Jungsteinzeitlandschaft, die seit zwanzigtausend Jahren bestehenden Steine wissende und stumme Zeugen, Megalithgräber aus der Trichterbecherzeit in der Nähe von Wildeshausen. Hier fragen wir uns, was unsere Steinzeitvorfahren wohl bewegt haben mag, sich in die  Norddeutsche Weite und Tiefe führen zu lassen. Später nach dem gemeinsamen Picknick mit anschließender „Siesta” glaube ich, die Dimensionen von Raum und Zeit erahnen zu können. Während ich mich in dieser Mittagshitze erschöpft im Schatten ins Gras fallen lasse, lasse ich mich im Halbschlaf noch von dem Wispern des Windes und dem singenden Gespräch der Vögel in die zeit- und grenzenlose Weite des blauen Himmels tragen,  und glaube verstehen zu können, was Franziskus meinte, wenn ich seine Verbundenheit zu allem was ist zitiere. Und in der Zuversicht dass es nur im Hier und Jetzt zeitliche Vorgaben gibt.

Ankunft am Dom in Osnabrück

Ankommen auf dem Katholikentag in Osnabrück am Mittwoch, dem 21. Mai 2008, so gegen 17 Uhr: Nach dem Rummel, den vier Frauen und zwei Männer verursachten, als sie auf dem Vorplatz vom Dom erschienen, Stars in der Situation! „Guck mal, da kommen ja Pilger!” Reporter schwenken ihre Kameras, es hagelte Fragen nach dem woher und wohin.

Doch diese Lautstärke hier vor dem Dom war ungewohnt und befremdlich nach zehn Tagen Natur, wenigen Menschen in wenigen Orten. Dieser Lärm passte nicht zu „unserer” Form des Ankommens. Unser Ankommen ist anders, dankend still werden im Haus Gottes, dem Flötenspiel von Stella lauschen, einem vorgelesenen Text auf uns wirken lassen, und singen, ja dankend singen, auch und gerade hier im Dom, unserem Ziel. Hier wollen wir sein so wie wir sind: Beten und singen, laut und leise: Laudates omnes gentes. Ge- und berührt fallen wir uns in die Arme.

Wir sind angekommen, nach zehn Tagen pilgernd Schritt für Schritt. Umgeben von einer Vielfalt der Natur, die ich mir so nicht vorgestellt hatte, ver- und umsorgt von gastfreundlichen Mitmenschen. Geführt und begleitet mit Gottes Segen unter der grenzenlosen Weite des Himmels – und niemand kommt unverändert zurück.

Du führst uns hinaus ins Weite,
Du machst meine Finsternis hell . . .

Ich danke für das Geschenk einer ökumenischen gemeinsamen Peregrinatio-Pilgerschaft  mit Stella, der göttlichen Flötenspielerin; der ausdauernden und schnellen Elisabeth und der im-mer gutgelaunten Inge; Gerd unserem stillen Schlüssel-Verantwortlichen; Wilhelm unserem allezeit zuverlässigem freundschaftlichen Begleiter, und Dieter, dem so wunderbar singenden mutigen Rollstuhlfahrer.

Ganz besonders danke ich allen, die mir Mut gemacht haben und darin unterstützt haben, diese Pilgerreise von Bremen nach Osnabrück zu wagen. Und danken will ich auch allen Gastgebern und Gemeinden, die uns unterwegs Herberge gaben und waren.