St. Marien

Katholische Kirchengemeinde im Bremer Westen

Mit dem Pilgerstab durch den Bremer WestenSt.-Marien-Gemeinde unterwegs von Oslebshausen nach Findorff

Kennt ji all dat neie Läid dat de ganz Gemeend all wäit van Herrn Pastor sien „Wau“ ? Nee, wäit ji nich? Dann soll das jetzt zwar nicht gesungen, aber erzählt werden, allerdings auf Hochdeutsch. „Pastor sein Wau“, das ist der Hund von Pastor Robert Wagner aus der Mariengemeinde im Bremer Westen. Am Sonntag, 13. April, war er unterwegs, und zwar mit einem Artgenossen und 53 Zweibeinern. Das Motto für diesen Weg lautete: „Wir wollen gemeinsam mit unserem Pilgerstab in eine ,Neue Sicht-Weite’ des Bremer Westens aufbrechen”. Dies geschah zu Fuß und teilweise mit dem Fahrrad. 

Ein Gottesdienst in der Oslebshauser St.-Josef-Kirche war der Auftakt zu dieser Pilgerwanderung durch den Bremer Westen und damit durch das Gebiet der St.-Marien-Gemeinde. Nicht von acht bis achtzig, aber von neun bis neunundsiebzig war die Pilgergruppe altersmäßig zusammengesetzt. Drei Generationen vom Enkel bis zu den Großeltern machte sich ab 12.15 Uhr vom Kirchplatz der Josefkirche auf den Weg durch Oslebshausen, Gröpelingen, Walle/Utbremen und Findorff. Alteingesessene und Neuzugezogene ließen sich unterwegs von Gerd Hauschild, Hermann Sandkühler und Reinhard Wenzel die Historie und Histörchen aus der Kirchengemeinde und den Stadt- und Ortsteilen erklären und erzählen.

Erste Station war der Standort der ehemaligen Nikolauskirche von 1331, die sich bis 1944 gegenüber der leider auch schon ehemaligen Werft AG „Weser“  an der Kirchenallee, die auch nur noch in einem Fragment erhalten ist, befand. Von dort ging es weiter durch die Lindenhofstraße, dem alten Ortskern Gröpelingens, zur Nikolauskirche, Beim Ohlenhof. Ein kräfiger Regenschauer prasselte dabei auf die Gruppe herab. Deshalb fiel auch der Besichtigungspunkt „Braunes Haus“, die ehemalige Parteizentrale der Nationalsozialisten im Bremer Westen am Halmerweg, aus. Hierher wurden auch Priester und Laien aus den damaligen Gemeinden St. Marien und St. Josef gebracht und von SA und Gestapo verhört und drangsaliert.

Nach Kriegsende 1945 wurde die Immobilie von den Besatzern an die Katholische Gemeinde übergeben: „Aus dem braunen ist nun ein schwarzes Haus geworden“ scherzte damals die Franziskanerschwester Felicia. Die 1945 gegründete Nikolausgemeinde nutzte das Haus für erste Gottesdienste und als Kindergarten, bevor sie 1958 ihre eigene Kirche einweihen konnte. In den Kellerräumen befanden sich auch – praktisch für die Gemeinde – die Werkstätten des Schuhmachers Ladislaus König und des Scherenschleifers Otto Harter. In der heutigen St.-Nikolaus-Kirche erzählte Pastor Wagner der Gruppe über Kirche und Gemeinde. Danach wurde gebetet und gesungen.

Durch den Pastorenweg, der Weg, den die Geistlichen früher von Gröpelingen zur Waller Kirche benutzten, ging es zum 1875 angelegten Waller Friedhof. Hier verweilte die Gemeinde am Standort der früheren Gräber von fünf ermordeten Mädchen, die 1913 einem wahnsinnigen Attentäter in der Marienschule zum Opfer fielen. Dieser Ort liegt in Sichtweite des Grabes, in dem der ebenfalls grausam getötete zweijährige Kevin aus Gröpelingen seine letzte Ruhe fand. Der Pilgerstab, zunächst in der Obhut von Katharina Höhn, wechselte im Verlauf des weiteren Weges dann häufiger den „Besitzer“.

Weitere historische Station war die Alte Waller Kirche, unter deren Turm von 1658 sich das Grab von Ritter Rasch befindet. An der Rolandmühle vorbei und durch das Heimatstraßenviertel gingen die Wandernden zum Standort der damaligen Jutefabrik an der Nordstraße gegenüber der Grenzstraße. Die 1888 gegründete „Jute-Spinnerei und Weberei Bremen“ war Ausgangspunkt für den Bau der Marienkirche 1898 und die ein Jahr später erfolgte Gründung der Mariengemeinde. In der alten Wartburgstraße (heute Osterlingerstraße) und der früheren Schönebecker Straße (heute Söderblomstraße) gab es viel zu hören über die Gemeindegeschichte bevor es hinüber zur Marienkirche ging.

Im Pfarrsaal St. Mariens empfingen Kathrin Wessels und Frank Bitomsky die Pilger, die mittlerweile seit dreieinhalb Stunden unterwegs waren, mit Kaffee, Tee, Kuchen und Obst. Vor allem der Kaffeeduft weckte die schon etwas erschlafften Lebensgeister wieder. Wer wollte konnte während der einstündigen Pause auch einen Blick in den Turm der Marienkirche werfen. Andreas Lüer erklärte den Interessierten, daß der Kirchturm der 1954 neu aufgebauten Kirche um den Stumpf des alten Kirchturms von 1898 herumgebaut, um nicht zu sagen „direkt darangeklatscht“ worden war.

Gestärkt traf sich die Pilgerschar in der Marienkirche, um von Pastor Robert Wagner auch noch eine geistliche Stärkung zu erfahren. Gebetet wurde dabei der Psalm 18, aus dem das Motto des diesjährigen Katholikentages in Osnabrück stammt: „Du führst uns hinaus ins Weite“. Das sich anschließende Lied „Freu dich, du Himmelskönigin“ galt Maria, der Kirchenpatronin. Nach einem Gruppenfoto vor der Kirche war es dann wieder „Pastors Wau“,  der vorneweg lief, kaum zu halten von Christopher und Ansgar Wessels.

Weiter ging es durch das Waller und Utbremer Grün nach Findorff. Jenseits des Bahndamms gab es besonders viel zu erklären an der Ecke Hemm-, Admiral- und Walsroder Straße. Hier befanden sich ehemals die Auswandererhallen des Norddeutschen Lloyds (Mißlerhallen), die in ihrer wechselvollen Geschichte als KZ, Lazarett, Findorff-Krankenhaus und der Firma GESTRA dienten. Nach dem Abbruch des alten Gebäudes steht dort ein Seniorenheim.

Geklärt werden konnte dann auch der Standpunkt des ehemaligen Admiral-Kinos, das sich nicht wie gedacht an der Admiralstraße, sondern an der Hemmstraße befand. Der Torfkanal, der ehemalige Schlachthof und die Kleinbahn „Jan Reiners“ wurden auf dem Weg erklärt. Dabei war es wie auch vorher schon des öfteren passiert, immer wieder schön, wie sich Orts- und Sachkundige aus der Gruppe einbrachten wie zum Beispiel Maria Poschmann, die von ihren Fahrten mit „Jan Reiners“ erzählte, der Kleinbahn, die von der Gustav-Deetjen-Allee über die Hemmstraße durch das Teufelsmoor bis nach Tarmstedt fuhr.

Die katholische Siedlung an der Mittelwiese, 1930 von der katholischen Spar- und Baugenossenschaft „Schönere Zukunft“ errichtet, war die letzte Station auf dem Weg, bevor das Ziel St. Bonifatius kurz nach 18 Uhr erreicht wurde. Zum Abschluß in der Bonifatiuskirche sangen die Pilger: „Gott gab uns Augen, daß wir uns sehn“. Gesehen hatten sie an diesem Tag nicht nur ihre Weggefährten, sondern auch viel Interessantes und dazu noch jede Menge Informationen über die Gemeinde und den Bremer Westen bekommen.

Ein Ziel dieses Weges war es auch, die Glieder der seit gut einem Jahr aus vormals vier Gemeinden zusammengefügten neuen Mariengemeinde aus den verschiedenen Kirchenstandorten zusammenzuführen, damit sie sich besser kennenlernen. Dies geschah dann bei einem gemütlichen Beisammensein in den Gemeinderäumen, wo Doris und Reinhard Wenzel, beide selbst auf dem Pilgerweg dabei, zum guten Schluß ein reichhaltiges Buffet vorbereitet hatten. Erschöpfte aber zufriedene Wanderer dankten es ihnen, indem sie mit gutem Appetit aßen. Erschöpft nach einem fast 15 Kilometer langen Weg, aber zufrieden damit, diesen Weg geschafft zu haben, was manche vorher gar nicht für möglich gehalten hatten. Das „sich besser kennenlernen“ konnte später bei einem kleinen Schoppen zum Ausklang dieses schönen, ereignisreichen Tages noch weitergeführt und erfolgreich zum Abschluß gebracht werden.